Rückstände von Glyphosat in Lebensmitteln? Ach was. Und wenn schon: Das Zeug ist doch „unschädlich“, oder?
Das ist ungefähr die Standardreaktion. Und sie funktioniert erstaunlich gut, solange man das Thema nicht zu genau anschaut. Denn Glyphosat im Essen ist keine neue „Erkenntnis“. Rückstände wurden schon vor Jahrzehnten nachgewiesen. Bereits Anfang der 1980er Jahre gibt es Arbeiten, die Rückstände von Herbiziden wie Glyphosat in Pflanzen und Umweltproben dokumentieren: Triclopyr, glyphosate und phenoxyherbicide residues in cowberries, bilberries und lichen. – https://ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7326493; leider ohne Zusammenfassung.
Damals gab es noch keine Bio Welle, keine „Clean Eating“ Bewegung, keine Social Media Empörung. Das Bewusstsein war eher: Wird schon passen.
Heute wissen wir: Es passt eben nicht automatisch.
Denn das Problem bei Rückständen ist nicht nur die einzelne Messung. Das Problem ist die Routine. Brot, Brötchen, Mehl, Flocken. Dinge, die viele Menschen täglich essen. Und wenn dort Spuren drin sind, dann ist das kein „Einzelfall“, sondern ein Dauerabo.
ÖKO TEST: Getreideprodukte häufig belastet
Das Verbrauchermagazin ÖKO TEST berichtete in einer Ausgabe im Mai 2013 bereits, dass ein großer Teil getesteter Getreideprodukte mit Glyphosat belastet war. Untersucht wurden Proben aus dem täglichen Verzehr, darunter Mehle, Körnerbrötchen und Getreideflocken. Ein erheblicher Anteil zeigte Rückstände.
Nun kommt regelmäßig der Satz, der alles beruhigen soll: „Alles unterhalb der Grenzwerte.“
Ich halte das für eine der gefährlichsten Beruhigungsformeln unserer Zeit.
Denn Grenzwert bedeutet nicht „harmlos“. Grenzwert bedeutet: juristisch noch zulässig. Und diese Grenze wird nicht nach dem Prinzip festgelegt: „Was ist optimal für Ihre Gesundheit?“, sondern nach dem Prinzip: „Was ist gerade noch vermarktbar?“
Wenn ein Stoff in Lebensmitteln auftaucht, die zur Ernährungsgrundlage gehören, dann ist nicht die Frage, ob die Menge pro Portion klein ist. Die Frage ist: Wie oft essen Sie das? Und über wie viele Jahre?
Brot: Backen neutralisiert nicht alles
Ein weiterer Punkt, der gerne übersehen wird: Brot wird gebacken. Viele Menschen glauben instinktiv, Hitze würde „schon alles erledigen“. Tut sie aber nicht.
Wenn ein Stoff hitzestabil ist, bleibt er drin. Und damit wird aus einem landwirtschaftlichen Problem ein Küchenproblem. Ein Frühstücksproblem. Ein Kinderproblem. Ein Alltagsproblem.
Wie kommt Glyphosat ins Getreide?
Glyphosat wird eingesetzt, um unerwünschte Pflanzen zu beseitigen. Es ist ein Breitbandherbizid, also ein Mittel, das nicht selektiv „ein bisschen Unkraut“ entfernt, sondern grundsätzlich Pflanzenwachstum stört.
Und jetzt kommt der entscheidende Teil, den viele nicht wissen wollen, weil er zu gut erklärt, warum Rückstände überhaupt entstehen:
Glyphosat wird nicht nur irgendwann im Frühjahr auf irgendeinem Feld versprüht. Es kann auch kurz vor der Ernte eingesetzt werden, um Pflanzen gleichmäßig absterben zu lassen und die Ernte zu erleichtern. Das ist technisch praktisch, besonders bei schwierigen Wetterbedingungen. Aber es bedeutet eben auch: Das Getreide bekommt seine Portion direkt ab, kurz bevor es auf dem Teller landet.
Nicht irgendwann. Nicht theoretisch. Sondern zeitlich sehr nah am Endprodukt.
Und das betrifft nicht nur Getreide. Auch andere Kulturen wie Kartoffeln, Ölsaaten oder Hülsenfrüchte können auf diese Weise behandelt werden.
„Baut sich schnell ab“ ist ein Satz – mehr nicht…
Offiziell heißt es gerne: Glyphosat baue sich schnell ab. Das klingt beruhigend, also alles „halb so wild“? Nur ist die Realität in der Praxis oft eine andere. Denn selbst wenn ein Stoff abgebaut wird, heißt das nicht, dass keine Rückstände übrig bleiben. Und es heißt schon gar nicht, dass wir die tatsächliche Belastung im Alltag sauber erfassen.
Das Problem ist nicht nur Glyphosat. Das Problem ist die Denkweise: Man erlaubt etwas großflächig, produziert erst wenig unabhängige Daten, und wenn dann Jahre später Fragen auftauchen, ist das Mittel längst in der Routine angekommen. Dann hängt eine ganze Landwirtschaft daran, eine ganze Industrie, ein ganzer Markt.
Und plötzlich wird aus einer Gesundheitsfrage eine Wirtschaftsfrage.
Wenn die Wissenschaft unabhängig wird, wird es unangenehm
Glyphosat steht seit Jahren in der Kritik. Es gibt Bewertungen, die es als unproblematisch einstufen, und es gibt Bewertungen, die deutlich kritischer ausfallen. Auffällig ist: Je unabhängiger die Perspektive, desto weniger klingt es nach Entwarnung.
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO stufte Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Andere Institutionen kommen zu anderen Schlussfolgerungen. Das kann man als Laie kaum im Detail auseinanderklamüsern.
Was man aber sehr wohl erkennen kann, ist das Muster: Solange ein Stoff profitabel ist, wird er verteidigt. Und sobald er unbequem wird, heißt es: „Die Datenlage ist unklar.“ Ist klar.
Der eigentliche Skandal: Es ist Teil der Ernährungsgrundlage
Wenn Glyphosat in irgendeinem exotischen Spezialprodukt auftauchen würde, wäre es ein Randthema. Aber Getreideprodukte sind bei uns keine Randnotiz. Sie sind Basis: Brötchen am Morgen. Brot am Abend. Mehl in Kuchen. Flocken im Müsli. Nudeln. Snacks. Backwaren. Das ist nicht „ab und zu“. Das ist für viele: täglich.
Und genau deshalb ist der Satz „unter Grenzwert“ so trügerisch. Denn er ignoriert den Alltag.
Was ich daraus ableite
Ich bin kein Freund von Panik, aber Naivität ist fast noch schlimmer. Die Corona-Jahre haben da „einiges“ offenbart! Aber das ist ein anderes Thema. Bleiben wir beim Brot / Brötchen: Wer die Belastung reduzieren will, muss nicht alles „glutenfrei“ kaufen und sich auch nicht in Ersatzprodukte flüchten. Er muss nur anfangen, wieder wie ein normaler Mensch zu denken:
Weniger Billigware.
Mehr Qualität.
Weniger Masse.
Mehr echtes Brot.
Bio ist dabei keine Religion, sondern oft schlicht die pragmatischste Entscheidung, wenn man Pestizide und Rückstände reduzieren will. Und wer Brot liebt, sollte es nicht abschaffen, sondern zurückholen: handwerklich, fermentiert, mit langer Teigführung, aus nachvollziehbaren Rohstoffen.
Denn Brot war einmal etwas anderes als eine billige Trägerfläche für Belag. Ich habe dazu hier mehr geschrieben: Brot gut vertragen & Warum modernes Brot oft krank macht
Update (Stand 2026): Warum Glyphosat im Brot weiter ein Thema ist
Auch wenn viele Messungen unterhalb offizieller Grenzwerte liegen, bleibt die entscheidende Frage: Was passiert bei täglichem Konsum über Jahre? Getreideprodukte sind Grundnahrungsmittel, Rückstände daher keine Randnotiz. Dazu kommen Mischbelastungen aus Landwirtschaft und Verarbeitung sowie die Tatsache, dass Verbraucher die Herkunft der Rohstoffe in Backwaren oft nicht erkennen können. Wer Belastungen reduzieren will, fährt meist besser mit Bio Getreide, handwerklicher Teigführung und weniger Billig Backwaren.
Fazit
Glyphosat ist unbedenklich, wenn man fest daran glaubt, weil man es nicht wissen will. Das Problem ist nicht, dass es keine Hinweise gibt. Das Problem ist, dass Hinweise unbequem sind. Sie stören den Profitfrieden. Und sie stören das Märchen von der modernen Landwirtschaft, die alles im Griff hat und dabei selbstverständlich nur unser Bestes will.
Wissen ist Macht.
Ich weiß nix, macht nix.
So läuft das Spiel.
Nur leider essen wir das mit.
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Dieser Beitrag wurde im Oktober 2012 erstellt und am 19.1.2026 aktualisiert.




