René Gräber vor Kniegrafik mit Hinweis auf Studien zu Meniskus OPs und eigene Erfahrung

Es gibt Meldungen, bei denen man als Naturheilkundler nur trocken sagen kann: Schön, dass die Studienlage inzwischen dort angekommen ist, wo Naturheilkundler (und solche die wirklich Ahnung hatten) schon vor Jahrzehnten vorsichtig wurden.

Aktuell macht wieder eine Nachricht die Runde: Eine der häufigsten orthopädischen Operationen, die arthroskopische Teilentfernung beschädigter Meniskusanteile, bringt bei degenerativen Meniskusschäden oft weniger als gedacht. Genauer gesagt: In hochwertigen Studien schnitt sie nicht besser ab als eine Scheinoperation.

Ja, richtig gelesen. Scheinoperation. Hautschnitt, Geräusche, Operationssituation, aber am Meniskus wurde nichts gemacht. Und trotzdem waren die Ergebnisse ähnlich. Das betrifft nicht irgendeine exotische Außenseitertherapie, sondern einen Routineeingriff, der über Jahrzehnte als fast „mechanisch logisch“ galt: Meniskus eingerissen, also wird geglättet oder ein Stück entfernt. Das klingt logisch und brillant, aber das Knie ist kein Türscharnier aus dem Baumarkt.

Und ich spreche aus Erfahrung…

Mein eigener Meniskus: 1996 komplett gerissen und nicht operiert

Ich habe dazu eine persönliche Geschichte. 1996 war meine Menisken im linken Knie komplett gerissen. Damals war ich deutlich jünger, sportlich aktiv und (weil ich noch Sportwissenschaften studierte) wurde mir erstens ein CT „genehmigt“ und in der Folge auch eine Operation angeboten.

Ich habe diese abgelehnt. Erstens: weil ich bereits die neuesten Daten aus den USA kannte (weit vor dem Internet!) und zweitens, weil ich schon genug Operationen, Medikamente usw. von der Schulmedizin hatte, die mich insgesamt nicht einen Zentimeter „gesünder“ gemacht hatten. Symptomfreier ja. Wirklich gesünder? Niemals. Aber diesen Unterschied verstehen Millionen von Patienten (und deren Mediziner) anscheinend heute im Jahr 2026 immer noch nicht.

Damals (1996) wusste man in der Breite noch nicht viel über die langfristigen Folgen solcher Eingriffe. Oder besser gesagt: Man wusste einiges, aber es war in der täglichen Praxis noch längst nicht so angekommen wie heute.

Ich hatte es bereist angedeutet: in den 90er Jahren wurde bei Meniskusschäden noch deutlich radikaler operiert als heute. Teilweise wurden Menisken großzügig entfernt, früher sogar komplett. Und genau das ist biomechanisch ein Problem.

Warum?

Weil die Menisken nicht zufällig im Knie liegen. Sie sind keine überflüssigen Gummiringe, die man bei Verschleiß eben herausnimmt. Sie verteilen Last, verbessern die Gelenkpassung zwischen Oberschenkelknochen und Schienbein, dämpfen Kräfte und schützen den Gelenkknorpel. Wird Meniskusgewebe entfernt, wird die Kontaktfläche im Knie kleiner und der Druck auf den Knorpel steigt. Das konnte bereits in biomechanischen Untersuchungen gezeigt werden: Nach Teilentfernung sinkt die Kontaktfläche, nach vollständiger Entfernung deutlich stärker; gleichzeitig nimmt die Stresskonzentration im Gelenk zu.

Anders gesagt: Was der Meniskus nicht mehr abfängt, muss der Knorpel ausbaden.

Hätte man mir 1996 den Meniskus großzügig entfernt, wäre die Wahrscheinlichkeit groß gewesen, dass mein Knie heute deutlich anders aussieht. Vielleicht hätte ich längst ein künstliches Kniegelenk. Nicht, weil die Operation damals schlecht gemeint gewesen wäre, sondern weil die Statik des Knies nach Meniskusverlust eine andere ist. Die Inkongruenz, also die mangelnde Passform der Gelenkflächen, müsste dann verstärkt über den Knorpel kompensiert werden. Genau dafür sind die Menisken aber da.

Der Denkfehler: MRT / CT Befund ist nicht gleich Schmerzursache

Ein großer Irrtum beginnt häufig im MRT / CT. Da sieht man einen Meniskusriss und denkt: Aha, das ist der Übeltäter. Also muss der Riss weg.

Eine große Arbeit im New England Journal of Medicine untersuchte Knie MRTs bei Menschen zwischen 50 und 90 Jahren. Ergebnis: Meniskusrisse sind in dieser Altersgruppe häufig, auch bei Menschen ohne Beschwerden. Besonders bemerkenswert: 61 Prozent der Personen mit Meniskusriss hatten im Vormonat keine Schmerzen, kein Ziehen und keine Steifigkeit im Knie.

Das ist für die Praxis entscheidend. Ein Befund im MRT beweist noch nicht, dass genau dieser Befund die Schmerzen verursacht. Bei der Wirbelsäule kennen wir das längst: Bandscheibenvorfälle sieht man auch bei Beschwerdefreien. Beim Knie ist es ähnlich. Nur wird dort gerne schneller operiert.

Ein degenerativer Meniskusriss ist oft eher ein Zeichen eines veränderten Gelenkmilieus als die alleinige Ursache des Problems.

Die Placebo Operationen am Knie

Es gibt da einige nette Geschichten der Placebo Knieoperationen. Bereits 2002 erschien im New England Journal of Medicine eine aufsehenerregende Studie von Moseley und Kollegen. Patienten mit Kniearthrose erhielten entweder eine echte Arthroskopie mit Spülung beziehungsweise Glättung oder nur eine Scheinoperation. Das Ergebnis war für die Arthroskopie ernüchternd: Die echten Eingriffe waren der Placebo Operation nicht überlegen.

2013 folgte dann die finnische FIDELITY Studie, ebenfalls im New England Journal of Medicine. Hier ging es gezielt um degenerative Meniskusrisse. 146 Patienten zwischen 35 und 65 Jahren wurden entweder arthroskopisch teilmeniskektomiert oder scheinoperiert. Auch hier: Die Operation brachte keinen relevanten Vorteil gegenüber der Scheinoperation.

Und nun kommt der eigentlich schwere Schlag: Die 10 Jahresdaten dieser FIDELITY Studie wurden 2026 veröffentlicht. Die Universität Helsinki fasste das Ergebnis zusammen: Die Teilentfernung des Meniskus verbesserte weder Symptome noch Funktion. Im Gegenteil fanden sich nach zehn Jahren mehr Beschwerden, schlechtere Funktion, mehr Arthroseprogression und eine höhere Wahrscheinlichkeit für weitere Knieoperationen in der Operationsgruppe.

Also genau das, was ich mir 1996 bereits dachte – wenn man in Anatomie, Physiologie und Pathologie aufgepasst hat, konnte man sich das eigentlich denken. Ja, ich weiß: das klingt jetzt neunmalklug – aber 1 plus 1 ist immer noch 2 (wenn man rechnen kann).

Auch Physiotherapie schneidet nicht schlechter ab

Nun könnte man sagen: Gut, gegen Placebo ist das eine Sache. Aber was ist mit gezieltem Training?

Auch hier sieht die Lage nicht gut aus für die Routineoperation.

In der ESCAPE Studie wurden Patienten mit degenerativem Meniskusriss entweder operiert oder mit übungsbasierter Physiotherapie behandelt. Nach fünf Jahren war die Physiotherapie der arthroskopischen Teilmeniskektomie nicht unterlegen. Die Autoren folgerten ausdrücklich, dass Physiotherapie bei degenerativen Meniskusrissen bevorzugt werden sollte.

Ein Cochrane Review von 2022 fasste 16 randomisierte Studien mit 2105 Teilnehmern zusammen. Das Ergebnis: Arthroskopische Chirurgie bei degenerativer Knieerkrankung bringt im Vergleich zur Placebo Operation wenig bis keinen klinisch relevanten Nutzen bei Schmerz und Funktion.

Das ist ziemlich eindeutig. Und wir sprechen hier von „Standard-Physiotherapie“!

Wann eine Operation trotzdem sinnvoll sein könnte

Natürlich heißt das nicht: Niemals am Meniskus operieren. Ein akuter traumatischer Riss bei einem jungen Sportler, ein eingeklemmter Korbhenkelriss, ein blockiertes Knie, freie Gelenkkörper oder klare mechanische Einklemmungen sind eine andere Situation. Dann kann eine Operation sinnvoll sein. Aber auch ich hatte 1996 freie (abgesprengte Gelenkkörper im Knie), die sich ab und zu festsetzten und das Knie blockierten. Ich musste dann innehalten und das Knie praktisch wieder „frei schütteln“. Das muss ziemlich lustig ausgesehen haben, wenn man mich dabei beobachtete…

Jedenfalls: der typische degenerative Meniskusriss bei einem 50, 60 oder 70 Jahre alten Menschen mit Kniebeschwerden ist eben nicht automatisch ein Operationsauftrag. Die wichtigste Frage lautet nicht: „Was sieht man im MRT?“ Die wichtigste Frage lautet: „Warum schmerzt dieses Knie wirklich?“

Das kann der Meniskus sein. Es kann aber auch Knorpel, Synovia, Knochenmarködem, Achsbelastung, Stoffwechsel, Entzündung, Übergewicht, Bewegungsmangel oder eine Kombination davon sein. Fast immer sind aber die Faszien beteiligt — und dort sitzt die Masse der Schmerzrezeptoren.

Und genau hier beginnt der eigentliche therapeutische Weg.

Was ich alternativ machen würde

Regeneration beim Meniskus bedeutet nicht, dass ein komplett zerstörter Meniskus plötzlich wieder wie neu wächst. Wer so etwas verspricht, verkauft Märchen mit orthopädischem Anstrich.

Regeneration bedeutet aus meiner Sicht etwas anderes: Das Gelenkmilieu muss so verändert werden, dass das Knie wieder belastbarer wird, Entzündung abnimmt, die Muskulatur führt, die Achse sauberer arbeitet, der Knorpel besser geschützt wird und Schmerz nicht ständig neu provoziert wird.

Dazu gehören mehrere Ebenen.

Erstens: Belastung steuern. Nicht „schonen bis alles verkümmert“, aber auch nicht stumpf in den Schmerz hineintrainieren. Viele Knie brauchen intelligente Dosierung, keine heroische Selbstzerstörung auf dem Laufband.

Zweitens: Muskulatur aufbauen. Besonders Quadrizeps, Gesäßmuskulatur, hintere Kette, Waden und Fußstabilität. Das Knie hängt nicht allein im Raum. Es ist eingebunden in Hüfte, Becken, Sprunggelenk und Fuß.

Drittens: Beweglichkeit und Gelenkführung verbessern. Oft sieht man eingeschränkte Hüftbeweglichkeit, schwache Außenrotatoren, schlechte Fußstatik oder eine ungünstige Knieachse. Das Knie zahlt dann die Rechnung für Probleme oberhalb und unterhalb.

Viertens: Entzündungsmilieu senken. Ernährung, Bauchfett, Insulinresistenz, Schlaf, Stress und stille Entzündungen spielen beim degenerativen Gelenk eine größere Rolle, als viele Orthopäden in fünf Minuten Sprechzimmerzeit besprechen können.

Fünftens: Gewebeversorgung unterstützen. Hier kommen aus meiner Sicht orthomolekulare und naturheilkundliche Maßnahmen ins Spiel: ausreichend Eiweiß, Vitamin D Status, Omega 3 Fettsäuren, Magnesium, Vitamin C, Kollagenbausteine, sekundäre Pflanzenstoffe, Heilpflanzen und je nach Fall auch Enzyme oder entzündungsmodulierende Substanzen. Nicht als Wundermittel, sondern als Bausteine in einem Gesamtplan.

Sechstens: Manualtherapie und funktionelle Behandlung. Osteopathie, Chiropraktik, Faszientechniken, gezielte Mobilisation und gute physiotherapeutische Arbeit können helfen, wenn sie nicht nur am Knie herumdrücken, sondern das gesamte Bewegungsmuster betrachten.

Genau solche Wege beschreibe ich immer wieder ausführlicher in meinen Newslettern. Denn das braucht mehr als drei Sätze und eine Packung Schmerzmittel.

Mein Fazit

Ich bin froh, dass ich meinen linken Meniskus 1996 nicht habe entfernen lassen. Damals war das gegen den Strom. Heute wirkt es rückblickend fast vernünftig.

Die Studienlage bestätigt, was man aus biomechanischer und naturheilkundlicher Sicht schon lange vermuten konnte: Der Meniskus ist kein lästiges Restgewebe, sondern Schutzstruktur. Wer ihn entfernt, verändert die Lastverteilung im Knie. Und wer degenerative Beschwerden nur wegschneidet, hat noch lange nicht die Ursache behandelt.

Bei echten Blockaden, akuten traumatischen Rissen und klaren mechanischen Problemen kann Chirurgie ihren Platz haben. Aber bei degenerativen Meniskusrissen sollte der erste Weg in der Regel nicht zum Skalpell führen, sondern zu einer sauberen Analyse: Faszien, „richtige“ Schmerztherapie, Bewegung, Muskulatur, Achse, Gewicht, Entzündung, Stoffwechsel, Ernährung.

Klar: Das ist mühsamer als eine schnelle Arthroskopie. Aber: das Knie dankt es einem häufig länger!