Schlagwortarchiv für: Genetik

Ich kann mich noch gut an mein Studium Anfang der 1990er erinnern, als es eine heftige Kontroverse gab, ob der Mensch mehr von seinen Genen gesteuert sei (und damit unveränderlich festgenagelt ist auf das, was er oder sie „darstellt“), oder aber, ob die Umwelt (Erziehung, Ernährung usw.) den Menschen prägt und verändert.

Zu diesem Zeitpunkt kam die Genforschung immer mehr in Schwung. Man hatte bereits in den 1970ern die genetische Steuerung der Proteinbiosynthese erforscht und enträtselt, was die Diskussion zusätzlich ankurbelte und beeinflusste. Aber zu diesem Zeitpunkt war es eigentlich zu früh, zu diesem Thema definitiv Stellung zu beziehen.

Denn die Befürworter der Gene wussten nur (beziehungsweise glaubten zu wissen), dass Gene unveränderlich sind und damit das Schicksal eines jeden Genträgers besiegelt und in Stein gemeißelt ist.

 

Aber auch die Umwelt-Anhänger gingen von Hypothesen aus, die sie genau so wenig belegen konnten. Denn für einen mehr oder weniger ungehemmten Einfluss der Umwelt hätte man wissen müssen, warum die Gene nicht so übermächtig sein können, wie so oft behauptet.

Unter dem Strich ging man seinerzeit davon aus, dass beide Faktoren eine Rolle spielen mussten, ohne aber zu wissen, wie stark diese Faktoren waren und welcher überwog.

Aber auch damals schon gingen die Umwelt-Anhänger davon aus, dass eine Theorie, die einen unveränderlichen Einfluss der Gene annimmt, einen sozialpolitischen Hintergrund hat und keinen wissenschaftlichen.

Schon damals wussten die Umwelt-Anhänger, dass die Gene sich leicht als Entschuldigung zum Beispiel für ein Versagen bei der Bekämpfung von Krankheiten hernehmen lässt, als unausweichliches Schicksal sozusagen.

Ein weiteres „beliebtes“ Beispiel zu dieser Zeit war die vererbte oder erworbene Intelligenz von Kindern. Auch hier waren die mehr konservativen Vertreter der Meinung, dass Dummheit oder Intelligenz in erster Linie von den Eltern stammen müsse. Wer also Eltern mit Volksschulbildung hatte, der wurde von vornherein fürs Gymnasium und Hochschule als unqualifiziert erachtet.

Und so blieben diesen Kindern die besser bezahlten Jobs verschlossen, da es an der dafür notwendigen beruflichen Qualifikation mangelte.

Wo zuerst „göttliche Fügung“ oder das Schicksal als bestimmende Größe fungiert hatten, zogen als in den 70ern / 80ern die Gene als neue große unbekannte Variable ein – die die Aufgaben von den beiden Erstgenannten (Gott und Schicksal) zu übernehmen hatte.

Nun, wer an „göttliche Fügung“, das Schicksal oder die Gene als unumstößliche Richtlinie für sein Leben glaubt, der wird ein guter Untertan, der alle Unbilden in Politik, Gesellschaft und privat erduldet. Denn man kann keinen der drei Urheber für unliebsame Ereignisse zur Rechenschaft ziehen, so dass man sich in sein „Schicksal“ eben fügen muss.

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Heute nach 40 Jahren

Sieht es heute anders aus? Antwort: Es sieht anders aus, doch bleibt alles beim Alten. Vor 40 Jahren wusste niemand etwas über Epigenetik. Es war nicht bekannt, dass es DNA auch außerhalb des Zellkerns gibt; in diesem Fall in den Mitochondrien der Zellen.

Und es war damals auch nicht bekannt, dass diese DNA ebenfalls vererbt wird, aber nur von der Mutter auf die Nachkommenschaft. Im Zuge der Forschung auf diesem Gebiet wurde man gewahr, dass Gene nicht so unveränderlich sind wie lange angenommen.

Unter bestimmten Umständen werden Gene ein- und abgeschaltet, was die Annahme, das Gene unveränderbar sind, gewaltig ins Wanken brachte. Mehr zu diesem Thema unter Die Heilslehre der Genetik – Oder: das vertrackte Genom.

Und eben diese Epigenetik gibt allen Grund zu der Annahme, dass sie über Umweltfaktoren in der Lage ist, die Aktivitäten von Genen zu verändern. Damit wäre das Dogma von der Unveränderbarkeit der Gene so gut wie vom Tisch gefegt. Auch die Ernährung kann dazu beitragen, dass „schlechte“ Gene abgestellt werden (nur wenn man sich dementsprechend ernährt) und „gute“ Gene aktiviert werden.

Ein weiteres gutes Beispiel finden wir beim Fasten. Denn das Fasten kann Gene positiv verändern. Oder mit anderen Worten: Es gibt einen nicht zu vernachlässigenden Spielraum für jeden von uns, in dem wir zu unserem eigenen Wohl aktiv werden können. Wir müssen nur wissen, wie wir richtig vorzugehen haben.

Das Gleiche scheint auch für die Intelligenz zu stimmen. Laut „Independent Sciene News“ vom August 2013 geht man heute davon aus, dass 98 Prozent aller Variationen von Errungenschaften in der Ausbildung von umweltbedingten und nicht genetischen Faktoren beeinflusst wird.

Der Lernerfolg ist also kein Resultat der Gene der Eltern, sondern die Fähigkeit des Schülers, auf seine Umwelt einzugehen und mit ihren Faktoren zu interagieren. Aber dieser Erkenntnis wurde keine besondere Beachtung geschenkt – seltsamerweise. Die Zahl von 98 Prozent Umwelteinfluss wurde weder in der Überschrift des Independent Science Artikels erwähnt, noch kam sie in der Presseveröffentlichung zur Sprache.

Dafür kaute man intensiv auf einer anderen Sache herum: Der Genetik dahinter. Denn man hatte bei der Untersuchung drei genetische Varianten gefunden, die zu 0,02 Prozent an Unterschieden in den ausbilderischen Erfolgsvarianten beteiligt waren.

Und dementsprechend fiel dann auch die Schlussfolgerung der Wissenschaftler aus: Statt nach Möglichkeiten zu suchen, diesen 98 Prozent gerecht zu werden und nachhaltig den Erfolg der Auszubildenden zu fördern, stürzten sich die Forscher auf diese 0,02 Prozent und empfahlen, nach diesen wenigen genetischen Varianten zu forschen. Eigentlich unglaublich – oder?

Nun, früher wussten wir nicht so viel über Genetik und seine Beziehung zur Umwelt. Heute weiß man, dass hier augenscheinlich 98 Prozent gegen 0,02 Prozent stehen. Aber dennoch bewegt sich die Diskussion auf dem Niveau von 1970. Ist das als Fortschritt anzusehen?

Wider besseres Wissen die gefundenen Resultate zu ignorieren und an den alten (überholten) Erkenntnissen (die keine sind), festzuhalten? So eine unlogische Praxis muss System haben.

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Die „unlogische“ Praxis hinter dem „SYSTEM“

Dieses System wird deutlich, wenn man erfährt, dass sogar die Tabakindustrie Forschungen unterhält, die sich mit „Verhaltensgenetik“ beschäftigt. Man möchte spontan meinen, dass die Tabakindustrie an genetisch modifizierten Tabakpflanzen arbeitet. Vielleicht macht sie das auch. Aber welches Verhalten sollte ein GMO-Tabak an den Tag legen?

Nein, diese Industrie forscht nach Möglichkeiten zu erklären, dass die Sucht nach Zigaretten und Zigarren eine genetische Grundlage hat und nicht im Produkt zu suchen ist. Hier immer und immer wieder die Genetik zu bemühen hat nur einen Zweck.

Und der wird besonders deutlich in einer Mitteilung (Memo) vom amerikanischen Vice President for Public Relations des Tabaccos Instituts, Fred Panzer (bei dem Namen kein Wunder), der es auf den Punkt brachte: Ziel der Forschung muss sein, den Fokus der Aufmerksamkeit zu ändern weg vom Produkt (Rauchzeugs) hin zu einer bestimmten Sorte von Personen.

Oder mit anderen Worten: Wenn ihr Probleme mit dem Rauchen habt, dann liegt das nicht an den Zigaretten. Nein, denn die sind eigentlich harmlos. Das Problem ist der Raucher, der nicht das richtige genetische Rüstzeug fürs Rauchen (Verhalten) hat.

Ach so ist das! Ja, darauf muss ich mir jetzt erst mal eine anzünden. Oder lieber nicht. Denn ich weiß von mir, dass ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die falsche Genetik fürs Rauchen habe. Meine Genetik jedenfalls duldet keinen Rauch in meiner Lunge. Bei den anderen, die rauchen, gibt es vielleicht ein Rauch-in-der-Lunge-Gen, womit die sich für einen Job bei der Feuerwehr qualifiziert hätten oder als Helmut Schmidt 🙂

1970 ist längst nicht vorbei

Es ist schon verwunderlich. Wir wissen heute mehr über Genetik als vor 40 Jahren und doch haben sich keine richtigen Konsequenzen aus diesem Wissen abgeleitet. Wie es aussieht, trifft das auch fürs Rauchen zu. Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht weiß, dass Rauchen mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist. Aber dennoch kann eine ganze Industrie die Wissenschaft vergewaltigen, nur um die Realität so zu verbiegen, damit sie ins Geschäftsmodell passt.

Auch die Bildungsfrage und Intelligenzfrage von damals wird immer noch so diskutiert wie 1970. Man will auch heute noch den Menschen vermitteln, dass soziale Unterschiede mit Genetik zu tun haben und daher unvermeidbar sind. Denn wenn die Leute glauben, dass ihre Gene die elementare Ursache sind für ihre Krankheiten, für geistige Gebrechen, für mangelnde schulische Qualifikationsmöglichkeiten und so weiter, dann braucht nichts mehr verändert zu werden.

Umweltgifte sind dann entlastet und können mit schöner Regelmäßigkeit in die Umwelt abgegeben werden, was den Verursachern eine Menge Geld in Sachen Entsorgung spart. Krankheiten werden so behandelt, wie die Schulmedizin sie seit je her behandelt hat: als Verwaltung der Krankheit und Kaschierung der Symptome. Heilung ist ja nicht möglich, da die Gene dafür nicht vorhanden sind.

Zucker in jeder Form der Ernährung aus dem Hause der Lebensmittelindustrie ist auch über jeden Zweifel erhaben, denn nicht der Zucker und seine toxische Potenz treiben die Leute in die Krankheit, sondern die genetischen Voraussetzungen sind Schuld.

Selbstverständlich kommen dann noch andere seltsame Faktoren hinzu, die das Bild abrunden. Wenn die Genetik nicht als Erklärung herangezogen werden kann, dann erfindet man etwas Neues. So zum Beispiel die Hysterie um das Sonnenlicht. Eigentlich sollten die Gen-Fans einmal abchecken, ob Hautkrebs durch Sonnenlicht eine genetische Voraussetzung hat.

So viel ich weiß gibt es keine Untersuchung dieser Art. Und es wird sie auch nicht geben, da Sonne keinen Hautkrebs erzeugt, sondern in den Himmel gesetzt worden ist, um Vitamin D zu erzeugen. Und dieses Vitamin hat den Ruf, eine Reihe von Krebserkrankungen zu bremsen oder sogar zu verhindern – ganz ohne Genetik.

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Fazit

Wir befinden uns immer noch im Jahr 1970. Die Wissenschaft ist schon ein Stück weiter. Aber die Interessen von Politik und Wirtschaft sehen ein reibungsloses Verwalten der Untertanen vor, was man mit erfundenen Ideologien und Pseudo-Wissenschaft in die Köpfe der Betroffenen eintrichtern will.

Vielleicht sollten diese Leute einmal nach einem Erkenntnis-Gen forschen, damit man auch dieses Eintrichtern leichter durchführen kann.

Aber eins ist auch mir jetzt klar geworden: Auch wenn der Erkenntnisfortschritt der Wissenschaft große Sprünge macht: es liegt kein Grund vor anzunehmen, dass diese Erkenntnis in die Praxis umgesetzt wird. Zumindest nicht zum Wohle der Allgemeinheit. Bestenfalls zum Wohle von Politik und Industrie. Für uns bleiben nur dumme Märchen vom Legoland und dessen schöne Gene.

Was die Genetik sonst noch so macht (und wie das aus meiner Sicht zu bewerten ist), das können Sie hier nachlesen:

5 Wundermittel auf die ich in der Praxis nicht verzichten würde

Am 7. März 2012 erschien in der Fachzeitschrift „Cell Metabolism“ eine schwedische Arbeit von Prof. Juleen Zierath (Link zur Arbeit), die bei gesunden, aber sportlich nicht aktiven Männern und Frauen umweltbedingten DNA-Veränderungen gefunden hat. Diese Veränderungen traten jedoch nicht etwa nach Monaten oder Jahren auf, sondern waren schon nach wenigen Minuten zu beobachten. Die Gruppe um Prof. Zierath konnte ähnliche Veränderungen auch nach dem Genuss von Kaffee beschreiben. Ort des Geschehens war die Oberschenkelmuskulatur der Probanden. Aber was haben Kaffee und Sport mit der DNA zu tun?

 

Dafür müssen wir ersteinmal ein wenig in die Tiefe der Genetik gehen:

Lamarck, ein französischer Naturwissenschaftler und Begründer der modernen Zoologie, ging vor 200 Jahren davon aus, dass die Evolution auf der Vererbung erworbener Eigenschaften beruhe. Da die DNA und die moderne Genetik zu diesem Zeitpunkt noch erfunden werden mussten, gab es keine stichhaltigen Argumente und Beweise für oder gegen diese Hypothese.

Das Ganze war mehr oder weniger eine Glaubensfrage, die auch teilweise in die Politik Einzug gehalten hatte. So war der Neolamarckismus die offizielle Wissenschaftsideologie der revolutionären Sowjetunion der 1920er Jahre. Als in den 1950er Jahren die DNA entdeckt und dann in der Folge intensiv erforscht wurde, nahm die Frage nach der Vererbung von Umweltfaktoren eine dramatische Wende.

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Schon Mendel hatte bei seinen Kreuzungsversuchen von Pflanzen Vererbungsmuster aufgezeigt, die unabhängig von Umweltfaktoren zu sein schienen. Mit der Entdeckung der DNA war auf einmal die ganze Umwelt von der Vererbung ausgeschlossen und alle Lamarckisten in der Mottenkiste der Wissenschaftsgeschichte verschwunden. Vererbung war eine Sache unveränderbarer Vererbungsregeln, die in die DNA „eingebrannt“ waren.

Eine Veränderung dieser Regeln wurde später „Mutation“ genannt, die aber oft zu Ergebnissen führte, die mit dem Leben nicht vereinbar waren. Mutationen dagegen, die für das Individuum und seine Art Vorteile bewirkten, wurde durch selektive Mechanismen gefördert und ausgelesen. Erst hier spielten die Gegebenheiten der Umwelt eine Rolle für die Selektion von Erbveränderungen.

Mit der Entdeckung der Epigenetik jedoch wurde auch dieses starre Weltbild von der Wirkweise der Gene aufgeweicht. Wie es scheint, ist die Umwelt viel stärker an genetischen Veränderungen beteiligt, als es die Biologie, die ich noch auf dem Gymnasium eingebläut bekommen habe, wahr haben will.

Der alte Lehrsatz, dass die DNA, die man von den Eltern mitbekommen hat, starr und unflexibel sei, scheint so nicht mehr gültig zu sein. Aber diesmal sind es keine Wissenschaftsideologien, die sich hier versuchen breit zu machen, sondern ernstzunehmende wissenschaftliche Arbeiten.

Kommen wir nun zurück zu der schwedische Arbeit von Prof. Juleen Zierath und der Eingangsfrage: Was haben Kaffee und Sport mit der DNA zu tun?

Veränderungen ohne Veränderung

Vorweg muss ich gleich eine wichtige Richtigstellung los werden: Bei diesen Beobachtungen wurde keine Veränderung des Original-DNA-Codes in den Muskelzellen gesehen. Dieser Code blieb wie er war. Auch nach wie vor würde eine solche Veränderung als „Mutation“ angesprochen werden.

Aber mit der sportlichen Betätigung der Probanden erfuhren die DNA-Moleküle der beteiligten Muskulatur eine chemische und strukturelle Veränderung. Diese Veränderungen oder besser Modifikationen der DNA an bestimmten Stellen scheinen die ersten Schritte bei der genetischen Reprogrammierung der Muskulatur in Richtung Kraftaufbau und metabolischem Nutzen von sportlicher Betätigung zu sein.

Prof. Zierath kommentiert den Sachverhalt so:

Unsere Muskulatur ist außerordentlich flexibel. Es wird oft gesagt: Man ist, was man isst. Und die Muskulatur passt sich dem an, was wir tun. Wenn man sie nicht benutzt, bildet sie sich zurück („If you don´t use it, you will lose it“ Wahlspruch der Bodybuilder). Und genau dieser Mechanismus liegt diesen Vorgängen zugrunde.

Aber wie sehen diese Veränderungen nun genau aus? Wie kann etwas in der Genetik verändert werden, ohne dass an der DNA-Sequenz gerüttelt wird? Gibt es „mutationsfreie“ Veränderungen?

Die DNA-Veränderungen in diesem Fall sind bekannt als „epigenetische Modifikationen“. Sie basieren auf der Anheftung oder Loslösung von biochemischen Markern an der DNA. Die vorliegende Arbeit von Prof. Zierath zeigt nun, dass die DNA in der Muskulatur nach sportlicher Betätigung, bei der mindestens 400 Kalorien verbrannt werden mussten, deutlich weniger chemische Marker aufwies als vor der Trainingseinheit.

Die Dauer der Übung betrug zwischen 30 und 45 Minuten, in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit, mit der die Teilnehmer diese 400 Kalorien-Grenze erreichten. Die Entfernung von diesen Markern, sogenannten Methylgruppen, erfolgte in Bereichen der DNA, die bei der Einschaltung von Genen beteiligt sind, die wiederum die Adaptation der Muskulatur an Belastungen steuern.

Bei einer Versuchsanordnung, wo isolierte Muskelfasern auf einem Petrischälchen kontrahiert wurden, stellten die Forscher den gleichen Effekt fest. Auch hier kam es zu einer Verminderung der Methylgruppen in den Muskelzellen. Wurden die isolierten Muskelfasern mit Koffein in Kontakt gebracht, wiederholte sich dieser Vorgang.

Sportliche Effekte beim Kaffeekränzchen?

Jetzt liegt natürlich die Vermutung nahe, dass jedes Kaffeekränzchen älterer Damen vom Effekt her mit Hochleistungssport zu vergleichen sei. Koffein simuliert die Effekte der Muskelkontraktion aufgrund von körperlicher Bewegung auch in anderen Bereichen. Immerhin ist der Verlust an Methylgruppen auf die Muskelkontraktion durch die Übung zurückzuführen und nicht auf Neurotransmitter oder andere im Blut zirkulierende Faktoren, wie z.B. Hormone.

Und die Kontraktion der isolierten Muskeln wurde nur durch Koffein bewirkt, das eine Veränderung der Methylierung durch einen Kalziumfluss bewirkte. Prof. Zierath jedoch sieht darin noch keine Begründung, Sport gegen Kaffee einzutauschen. Aber Sport und Kaffee scheinen sich aus dieser Perspektive nicht auszuschließen, sondern sich eher zu ergänzen. Zumindest würden die sportlichen Ergebnisse bei der De-Methylierung durch eine Tasse Kaffee verlängert werden.

Dies ist umso bemerkenswerter, wenn man sich die beeinflussten Gene einmal genauer anschaut. Diese haben nämlich eine Reihe von metabolischen Funktionen. PGC-1? ist ein Transkriptionsfaktor, der die Oxidation in der Muskulatur erhöht.

TFAM reguliert die Transkription der mitochondrialen DNA, und MEF2A reguliert den Transport von Glukose in die Zelle hinein und aus der Zelle heraus. Und man wusste schon früher, dass alle diese Gene bei körperlicher Betätigung angesprochen werden. Und es kommt noch viel schöner: Sie sind auch bei der Entwicklung von Diabetes beteiligt.

Es fragt sich natürlich, wie lange diese epigenetischen Modifikationen vorhalten. Spätestens hier kommt die große Enttäuschung: Denn nach nur wenigen Stunden flacht die Aktivierung der Gene ab und die Methylierung kehrt zu ihrem Ursprungslevel zurück. Von daher muss dann wieder eine beträchtliche Einheit sportlicher Betätigung her, um den Optimalzustand wieder herzustellen – oder eine Tasse Kaffee?

Aber hier deuten sich Verhältnisse an, die fast an die Theorien von Lamarck erinnern: Die Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass wiederholtes, langjähriges körperliches Training nicht nur die Kurzzeitveränderungen dieser epigenetischen Modifikationen beeinflusst. Vielmehr vermuten sie auch eine Langzeitveränderung im Genom des Betroffenen. Dies wäre eine mögliche Erklärung, warum Leute mit sportlichem Hintergrund trotz familiärer Vorbelastung weniger anfällig für Diabetes sind.

Immerhin zeigt diese Studie, dass unser Genom weitaus dynamischer ist als noch vor 10 oder 20 Jahren angenommen. Und diese epigenetischen Modifikationen, die Genabschnitte an und ausschalten können, sind die Ursache für sehr flexible Ereignisse in unserem Organismus. Immerhin erlauben sie in einem gewissen Rahmen, dass sich unsere DNA an Umweltbedingungen und deren Veränderungen anpassen kann.

So bringt es Prof. Zierath auf den Punkt: „Körperliche Bewegung ist Medizin,“ sagt sie (ki.se/ki/jsp/polopoly.jsp?d=2637&a=139627&l=en&newsdep=2637). Und dies bedeutet eine Veränderung des Genoms in Richtung einer besseren Gesundheit durch Ereignisse wie Sport und andere körperliche Ertüchtigung.

Aber die positiven Effekte der körperlichen Bewegung auf den Fett- und Zucker-Stoffwechsel der Muskulatur sind nur Resultat der De-Methylierung der DNA-Abschnitte: Am Anfang steht die epigenetische Modifikation. Danach erst kommen die Vorteile für den Organismus und seinen Stoffwechsel. Oder in anderen Worten: Am Anfang steht der Schweiß und dann erst die Belohnung.

Für die, die sich nicht bewegen wollen oder können, blieb dann nur noch der Kaffee oder andere koffeinhaltigen „Leckerlis“. Aber ob das für eine Belohnung reicht?

Weitere Informationen zu Koffein und Gesundheit

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Wie so häufig wird das Wohl und Übel der Menschheit in Abhängigkeit gesetzt von der Allmacht der Wissenschaft und deren der Natur überlegenen Wirkweisen. So wurde dann auch vollmundig vor 10 Jahren verkündet, dass die Genetik spätestens heute, also nach 10 Jahren, in der Lage sein werde, alle Gen-Codes zu entschlüsseln, die entsprechenden Erbkrankheiten vollständig zu verstehen und die entsprechenden Therapien anzubieten.

Politiker der 90er Jahre (u.a. Bill Clinton) und zahlreiche Wissenschaftler waren sich einig: Das Gesundheitswesen von 2010 wird mit dem von 2000 kaum noch etwas gemeinsam haben – Dank der „genetischen Revolution“. Die Ernsthaftigkeit dieses Optimismus wurde dann durch einen 3 Milliarden Dollar Einsatz unterstrichen.

Heute im Jahr 2011 nach über 10 Jahren lässt sich rückblickend sagen, dass man von der Gen-Code-Entschlüsselung weiter entfernt ist als die Erde vom Mond. Eine Therapierbarkeit von Erbkrankheiten ist soweit entfernt wie die Milchstraße.

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Pharmazeutische Firmen und Saatgut-Hersteller, wie Monsanto, haben zwar mit Genmanipulationen gearbeitet, was aber nicht immer den Erfolg gebracht hat, den man sich gewünscht hat.

Der Optimismus, dass alles einfach aufzuschlüsseln sei, musste der realistischeren und ernüchternden Erkenntnis Platz machen, dass die Genetik der Lebewesen, gleichgültig ob Pflanzen, Insekten oder Menschen, ein kompliziertes Informationsgebilde ist, wo die unbekannten Größen schwerer wiegen als das, was bis heute bekannt ist.

Zum 10. Geburtstag der optimistischen Proklamation veröffentlichten jetzt eine Reihe von Zeitschriften und Zeitungen, wie die New York Times und die JAMA, Artikel, in denen sie Bilanz zogen. Auch hier war das Resumé eher ernüchternd.

Diese Situation wird auch deutlich in einer Bostoner Studie, die versuchte, anhand von 101 bekannten genetischen Konstellationen das Risiko für das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bestimmen.

Die Wissenschaftler gingen immer davon aus, dass bestimmte genetische Konstellationen dazu beitrügen, dass Herr X eine Herz-Kreislauf-Erkrankung kontraktierte, Herr Y von nebenan dagegen nicht (sondern vielleicht eine andere Krankheit). So würde das Wissen um diese Konstellationen eine fast prophetische Kompetenz zukommen.

Untersucht wurden nun über 19.000 weiße Frauen über 12 Jahre hinweg, die auf Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulärer Tod beobachtet wurden. Nach diesen 12 Jahren gab es 777 kardiovaskuläre „Episoden“, was sich letztlich als völlig unzureichend für einen Vorhersagewert gezeigt hat. Der postulierte genetische Risikowert und die tatsächlichen Ereignisse waren in keiner Weise miteinander assoziiert und damit der Aussagewert der genetischen Indikatoren so gut wie Null.

Das soll aber nun nicht heißen, dass die Genetik keinen Schuss Pulver wert sei. Es ist nicht die Schuld der Genetik, wenn sie falsch zum Einsatz kommt.

Es lässt sich auch nicht aus diesen Ergebnissen unbedingt ableiten, dass es überhaupt keine genetischen Einflüsse auf die Ausbildungen von Erkrankungen gibt. Die altbewährten Familienanamnesen zeigen hier nicht nur ein viel verlässlicheres Bild mit einer deutlich höheren Aussagekraft in Bezug auf das genetische Risiko, sondern sind auch in der Lage, ihre Verlässlichkeit in Studien zu untermauern.

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