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Cholesterin gilt seit Jahrzehnten als stiller Killer. LDL runter, Risiko runter – so lautet die einfache Formel. Je niedriger, desto besser.

Doch was, wenn diese Gleichung in der Realität nicht aufgeht?

Trotz millionenfacher Verordnungen von Statinen und immer neuer Wirkstoffe bleibt ein Befund erstaunlich konstant: In der Primärprävention ist der absolute Nutzen oft gering, die Mortalität bleibt unbeeinflusst. Gleichzeitig kommen neue Medikamente wie Inclisiran auf den Markt – eine RNA-basierte Therapie, die gleich für ein halbes Jahr wirkt. Technologisch beeindruckend. Klinisch überzeugend?

Während Leitlinien immer niedrigere LDL-Zielwerte definieren, stellt selbst das traditionsreiche „Arznei-Telegramm“ unbequeme Fragen: Wo sind die belastbaren Belege für eine generelle Senkung? Wer profitiert wirklich? Und wer trägt das Risiko?

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Es geht nicht nur um Zahlen auf einem Laborzettel. Es geht um Nutzen, Nebenwirkungen – und um ein milliardenschweres Geschäftsfeld.

Im „Arzneitelegramm“ las ich vor Kurzem: Cholesterin senken und was gibt es da Neues zu berichten. [1]

Zunächst jedoch etwas „Altes“ zu diesem Thema. Und das nicht vom „Telegramm“, sondern aus meiner Feder: [2]

Worum es hier eigentlich geht, ist wieder mal das Geschäft mit der Gesundheit. Oder Krankheit…

Wie gesagt: das Thema ist ein Dauerbrenner.

Denn Cholesterin soll angeblich „böse“ Elemente enthalten, das LDL-Cholesterin, welches Arteriosklerose und kardiovaskuläre Erkrankungen verursacht. Und daran sind ja schon viele gestorben. Also muss man was tun, um dieses Elend zu verhindern: Cholesterin senken mit z.B. Statinen, die bereits seit den 1980er Jahren zum Kassenschlager geworden sind.

Und wie das ausgesehen hat und heute noch aussieht, habe ich in etlichen Beiträgen beschrieben: [3] [4] [5] [6] [7] [8]

Je niedriger, desto besser

„Je niedriger, desto besser“ – dieser Leitspruch bei der Behandlung von Cholesterinwerten ist mit Sicherheit die Zauberformel für die Statinhersteller. Denn diese Formel gilt (fast) immer, gleichgültig, wie tief der Wert liegt (nur bei Null dürfte Schluss sein, oder?).

Und da haben wir schon das „Neue“ in der neuen Diskussion. Laut „Arzneitelegramm“ gibt es jetzt einen neuen Wirkstoff, der sich „Inclisiran“ nennt und in Fortbildungen propagiert wird.

Es handelt sich hier um eine kleine aktive RNA, die alle 6 Monate injiziert wird (zu Beginn nach 3 Monaten). Der Patient wird also genetisch verändert, und zwar insofern, dass diese RNA jetzt über eine Reihe von Zwischenschritten dazu führt, dass viel weniger LDL-Rezeptoren abgebaut werden können. Und die erhöhte Menge an Rezeptoren wiederum bewirkt dann eine erhöhte Clearance von LDL aus dem Blut und führt damit zu den Spiegeln und Umsätzen, von denen Pharma und Schulmedizin träumen.

Nach dieser frohen Botschaft zeigt jedoch Drugs.com, dass es hier einiges an Nebenwirkungen zu „bejubeln“ gibt. [9]

Die Erhöhung von Leber-Transaminasen ist die Auffälligste, wenn auch entwarnt wird, dass diese Erhöhung klinisch nicht relevant und asymptomatisch sei.

Weniger asymptomatisch und unbedenklich ist diese Nebenwirkung: Diabetes mellitus in 11,6 % der Fälle. Das wiederum ist ausgezeichnet, da der Hersteller Novartis auch eine ausgedehnte Palette an Diabetes-Medikamenten anzubieten hat. Da lässt sich wieder mal doppelt Kasse machen.

Andere häufige Nebenwirkungen sind Muskelschmerzen, Rückenschmerzen, Schmerzen in den Extremitäten, Blaseninfektionen, Durchfall, Bronchitis, Atemnot, Kopfschmerzen, Schwindel, Angina pectoris etc.

Die Überraschung

Wer jetzt glaubt, dass das „Arzneitelegramm“ in die gleiche Kerbe schlägt, der dürfte sich getäuscht sehen, sehr zu meiner (positiven) Überraschung.

Es beginnt damit, Behandlungsempfehlungen in Primär- und Sekundärprävention zu unterscheiden. Laut „Arzneitelegramm“ ist es sinnvoll, „ Patienten mit dokumentierten atherosklerotischen kardiovaskulären Erkrankungen medikamentös“ zu behandeln. Das sind also die Leute, die bereits geschädigt = krank sind, also an manifesten Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder peripherer arterieller Verschlusskrankheit leiden.

Jetzt kommen aber noch andere Diagnosekriterien dazu. Wenn nämlich beim Ultraschall auch noch Plaques in den Femoralarterien gesichtet werden können (bislang waren es nur 50 %ige Stenosen in mindestens zwei großen Koronargefäßen) und ein erhöhter koronarer Kalzium-Gehalt im CT beobachtet werden kann, dann „muss“ was getan werden. So die Europäische Gesellschaft für Kardiologie im neuen Update ihrer Leitlinien.

Das „Arzneitelegramm“ bringt dazu folgenden vernichtenden Kommentar:

„Randomisierte Studien, die den klinischen Nutzen einer medikamentösen Therapie belegen, wenn eine atherosklerotische Erkrankung allein durch Bildgebung dokumentiert ist, kann die Leitlinie weiterhin nicht bieten. So wenig wie Karotis-Plaques Personen pauschal zu „Hochrisikopatienten“ werden lassen, rechtfertigen unseres Erachtens weder Plaques der Femoralarterien noch erhöhte koronare Kalzium-Scores die Zuordnung zur Sekundärprävention.“

Also der Nutzen der Statine und anderer Cholesterinsenker, wenn es ihn gibt, scheint es nur in einer relativ kleinen Nische in der Sekundärprävention zu geben. Bei der Primärprävention, wo Pharma und Schulmedizin den meisten Umsatz erwarten, sieht es völlig anders aus. Und da wären wir wieder bei meinen Beiträgen weiter oben.

Sieht man das beim „Arzneitelegramm“ auch so?

Primärprävention mit Cholesterinsenkern

Das „Arzneitelegramm“ macht hier schnell Nägel mit Köpfen, indem es in dem Beitrag auf einen älteren „Arzneitelegramm“-Beitrag verweist, der schon im Juni 2023 veröffentlicht wurde. [10]

Hier bekommt der Leser zu lesen, dass aufgrund der Studienlage (teilweise sogar mit plazebokontrollierten Arbeiten) der absolute Nutzen der Cholesterinsenker gering war. Schlimmer noch: Ein derartiger Aufwand sollte ja eigentlich die Patienten vor tödlichen Plaques und Arteriosklerose schützen. Zumindest ist das der Anspruch der Befürworter. Das „Arzneitelegramm“ stellt jedoch fest, dass die Studienlage keinen Beleg für einen mortalitätssenkenden Effekt der prophylaktischen Gabe abliefern konnte.

Oder mit anderen Worten: Prophylaktisch Statine etc. einnehmen, weil man ein gewisses Alter oder bestimmte erhöhte Marker aufweist, bringt dem Patienten so gut wie nichts, aber den Herstellern guten Umsatz und dem Mediziner abrechnungsfähige Behandlungskosten.

Die neuen Leitlinien, die im neuen „Arzneitelegramm“ diskutiert werden, sehen jetzt vor, dass bei einem 10-Jahresrisiko von 20 % und einem LDL-Wert von 70 mg/dl eine prophylaktische Gabe von Cholesterinsenkern durchgeführt werden soll. Wie die Berechnung der 20 % ausgesehen haben, kann man nur vermuten. Denn sie basierte auf „Schätzungen anhand epidemiologischer Daten“. Toll, schätze ich!

Das „Arzneitelegramm“ selbst spricht hier von einer „Risikoabschätzung“, die die Kardiologen in ihrem unermesslichen Glauben an die eigene Schätzkraft durchgeführt hatten.

Aber es geht weiter: Bei 10 bis 19 % Risiko und einem LDL von 100 mg/dl muss auch zur Tablette gegriffen werden. Schön auch, dass die „Verordnungsfähigkeit“ von Lipidsenkern zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen von 20 auf 10 % Risiko herabgesetzt wurde. Da kann der Onkel Doktor viel mehr Patienten auf Statine und Co. einstellen, ohne dass es bei der Finanzierung Probleme gibt. Denn die Kassen zahlen den Unsinn.

Die Zielwertstrategie

Hier geht es darum, bei der Primärprävention und Sekundärprävention „gesunde“ Zielwerte für das LDL zu bestimmen. Laut „Arzneitelegramm“ hat sich hier wohl auch nichts geändert.

Bei der Sekundärprävention soll das LDL um mindestens 50 % des Ausgangswerts gesenkt werden oder unter 55 mg/dl. Bei der Primärprävention fast das Gleiche: mindestens 50%ige Reduktion des Ausgangswerts und unter 70 mg/dl.

Kommentar vom „Arzneitelegramm“:

„Zum Erreichen der Zielwerte scheinen ohne Rücksicht auf Zulassungsstatus und Datenlage alle Mittel recht, soweit sie in irgendeiner Studie die Reduktion vaskulärer Ereignisse gezeigt haben. Wir sehen weiterhin keine Belege für den Nutzen der Zielwertstrategie.“

Aber es geht noch bunter zu. Beim akuten Koronarsyndrom soll so richtig losgeballert werden. „the sooner, the lower, the better“ heißt es bei den Kardiologen im perfekten Medizindeutsch. Stationär soll die LDL-Senkung intensiviert werden durch die Gabe von hochdosierten Statinen (damit endlich die Patienten unter der Last der Nebenwirkungen zusammenbrechen?). Belege für dieses Vorgehen? Null! Laut „Arzneitelegramm“ gibt es keine Belege aus randomisierten Studien für diesen Unsinn.

Zudem wollen die Kardiologen auch nicht die HIV-Patienten vergessen. Ab dem Alter von 40 Jahren und höher wird therapiert, gleichgültig ob ein vaskuläres Risiko vorliegt oder nicht. Auch hier muss das LDL versenkt werden, koste es was es wolle. Die dazu erkorene Studie zeigte eine absolute Senkung der vaskulären Endpunkte (bestehend aus acht Komponenten) von 0,25 %. Super Ergebnis, gell?

Auch blieb die Mortalität unbeeinflusst. Wieder mal. Dafür nahmen die Diabeteserkrankungen unter der Therapie absolut um 0,3% zu. Toll!

Also: Therapieerfolg = 0,25 % — neue Diabetespatienten = 0,3 %. Aber das ist noch nicht alles. Muskelprobleme stiegen um 0,2 % pro Jahr.

Das „Arzneitelegramm“ dazu:

„Auf Basis dieser Daten bei HIV-Patienten unabhängig von vaskulärem Risiko und LDL eine IB-Empfehlung für Statine zur Primärprävention auszusprechen, erscheint uns nicht vertretbar.“

Fazit

Die neue Ausgabe des „Arzneitelegramm“ bestätigt fast wort- und ideengleich meine kritische Haltung gegenüber den Cholesterinsenkern, besonders wenn es darum geht, diese Art der Medikamente wie Bonbons im Kölner Karneval unter die Leute zu schmeißen.

Wie zu niedrige Cholesterinwerte die Mortalität erhöhen können, wovon niemand sprechen möchte, das habe ich hier diskutiert: [11]

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Quellen: 

Statine sind für die Hersteller eine lohnende Einnahmequelle, weil viele Menschen diese Cholesterin-Senker verschrieben bekommen. Doch wie hoch müssen die Blutwerte sein, ab denen ein Patient die Mittel schlucken muss? Dazu gibt es „offizielle“ Empfehlungen oder eher Richtlinien, an die sich Ärzte gebunden fühlen sollen.

 

Die Cholesterinwerte werden von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) festgelegt und von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) übernommen. Die 2019 neu herausgegebenen Leitlinien sollen angeblich veraltet sein, weil sie 3 Jahre nicht mehr überarbeitet wurden. Die neuen Normwerte lagen drastisch unter denen, die seit 2016 galten.

Damals galt für Menschen, die an familiärer Hypercholesterinämie leiden, ein LDL-Zielwert von unter 100 mg/dl. Wenn bereits verengte Herzkranzgefäße nachweisbar waren sollte die LDL-Konzentration auf unter 70 mg/dl eingestellt werden.

Ab 2019 soll der LDL-Wert bei genetisch bedingter Hypercholesterinämie und koronarer Herzkrankheit weniger als 55 mg/dl betragen. Da fragt man sich: Welcher gesunde Mensch hat denn derart niedrige Cholesterin-Werte?

Die Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin protestierte. Es sei nicht hinnehmbar, dass praktisch das 50 % der Bürger per Definitionem für krank erklärt werden und Statine einnehmen sollen. Zudem empfehlen die Richtlinien aus 2019 die zusätzliche Applikation der neuen PCSK9-Hemmer. In der Leitlinie 2016 hieß es noch, dass deren Einsatz nur in Erwägung gezogen soll.

Leitlinienwatch.de kam der eigentlichen Motivation für die Aktualisierung auf die Spur. Die meisten Autoren des ESC-Skripts meldeten finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie und damit erkenntnisleitende Interessen an. 14 der Leitlinien-Verfasser stehen sogar bei Produzenten von PCSK9-Hemmern auf der Gehaltsliste. Auch die ESC erhält fast Dreiviertel ihrer Einnahmen von der Pharmaindustrie.

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Ein Blick in die USA

Im Jahr 2013 enthüllten die „American College of Cardiology“ (ACC) und die „American Heart Association“ (AHA) neue Leitlinien für die Behandlung zu hoher Cholesterinwerte (siehe u.a. http://www.medicalnewstoday.com/releases/281077.php).

Wie es aussieht, waren die damals „neuen Empfehlungen“ selbst anderen gestandenen Schulmedizinern zu wenig medizinisch, dafür aber zu verkaufs- und pharmamarketinggerecht ausgefallen.

Warum?

Es hatte sich in der Mayo Klinik eine „task force“ (ich nenne sie einfach mal „Arbeitsgruppe“) gebildet, die sich mit den neuen Empfehlungen kritisch auseinandergesetzt hatte und dabei einiges zurechtrücken wollte.

Die Arbeitsgruppe vertrat die Meinung, dass nicht alle Patienten per se Statine einnehmen sollten, da auch nicht alle von einer solchen „Therapie“ profitieren. Aber genau das scheinen die neuen Leitlinien aber zu unterstellen.

Weiter kritisierte die Mayo Arbeitsgruppe, dass bei der Therapie ein individualisiertes Therapiekonzept zur Anwendung kommen sollte. Bei den Leitlinien dagegen stand man kurz davor, die Statine ins Trinkwasser zu kippen.

Die Arbeitsgruppe der Mayo Klinik besteht aus Kardiologen, Endokrinologen und Präventivmedizinern, die von sich behaupten, keine Beziehungen zur pharmazeutischen Industrie zu haben. Wenn man sich ihre Vorschläge so anhört, dann glaube ich sogar, dass da etwas Wahres dran sein könnte.

Hier ein paar Beispiele, wie „evidenzbasiert“ die amerikanische Variante der Cholesterintherapie aussieht:

Die „neuen“ Leitlinien von ACC und AHA aus dem Jahr 2013 empfehlen die Verschreibung der stärksten Statine in hohen Dosen für alle Männer, die älter als 65 Jahre sind – auch, (und jetzt festhalten!), wenn es keine Herzerkrankungen in der Vergangenheit gegeben hatte.

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Rentner zum Abschuss freigegeben

Das liest sich für mich, als wenn dort die Rentner zum pharmazeutischen Abschuss freigegeben worden sind, damit man die Ausgaben für Renten einsparen kann. Normale Cholesterinwerte spielen hier auch keine Rolle, denn auch diese Klientel soll kräftig mit Chemie versorgt werden, Hauptsache man ist über 65! Hier wird das Alter per se zum Risikofaktor erhoben. Oder anders formuliert: Alter = behandlungsbedürftige Krankheit.

Frage: Welche evidenzbasierte Studie hat dies zeigen können? Keine Einzige

Aber trotzdem werden solche Empfehlungen offiziell gemacht. Wenn es ums Geld geht, dann brechen die scheinheiligen Heuchler der Schulmedizin auch schon gerne mal ihre eigenen Regeln. Auch die Mayo Arbeitsgruppe konnte keine „Evidenz“ in klinischen Studien ausmachen, die diesen Anspruch unterstützen würden.

Endlich einmal eine schulmedizinische Institution, die wohltuenderweise mit den eigenen Ansprüchen etwas ernster umzugehen scheint. Daher lehnt die Arbeitsgruppe eine stereotype Behandlung mit Statinen aufgrund des Alters alleine als „Indikation“ entschieden ab. Gut so!

Von wegen Mittel der ersten Wahl

Die Leitlinie versteigt sich auch zur der Behauptung, die Behandlung mit Statinen als Mittel der ersten Wahl gegen kardiovaskuläre Erkrankungen anzusehen. Erst dann kommt die Frage nach gesunden Lebensweisen und Ernährung – wenn überhaupt.

Die „Mayo-Arbeitsgruppe“ lehnte diese Vorgehensweise ebenfalls ab und setzt die Veränderung von Lebensgewohnheiten und Ernährung unter Einbeziehung von körperlicher Bewegung an die erste Stelle. Erst nach drei bis sechs Monaten soll dann eine Reevaluation vorgenommen werden bevor es zur Verschreibung kommt. Das hört sich schon eher nach patientenfreundlicher Medizin an.

Diabetiker sollen Statine erhalten?

Laut Leitlinien sollten alle Diabetiker, ob klein, groß, dick, dünn etc., Statine erhalten – wenn sie älter als 40 Jahre sind. Also auch hier haben wir wieder keinen medizinischen Zustand, der die Indikation bestimmt, sondern das Alter. Super! Die Arbeitsgruppe hatte starke Zweifel, dass alle Diabetiker das gleiche kardiale Risiko haben im Vergleich mit Leuten, die eine entsprechende Geschichte aufzuweisen haben.

Die Arbeitsgruppe sprach sich nicht für oder gegen den Einsatz von Statinen bei Diabetikern aus, bei denen ein geringes Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfall vorliegt. Hier verwiesen die Mayo Kliniker auf eine individualisierte Herangehensweise bei diesen Patienten.

Statine für alle über 65

Interessant ist auch die Empfehlung zur Berechnung der Risikofaktoren in den Leitlinien von 2013. Um das großzügige „Versprühen“ von Statinen auf Verschreibungsbasis unter den Patienten gewährleisten zu können, haben die Leitlinien-Mediziner von ACC und AHA die Familiengeschichte „abgeschafft“. Aha!

Denn die neuen Leitlinien sagten aus, dass die Familiengeschichte nur dann relevant wird, wenn das Risiko, das weiter oben schon vordefiniert worden ist, unsicher ist. Oder mit anderen Worten: Wenn ich über 65 bin, dann ist es völlig egal ob ich gesund bin. Ich habe Statine zu nehmen. Familiengeschichte hält da nur auf. Wenn ich Diabetiker über 40 bin, dann… siehe Ausführung vorherigen Satz.

Die Mayo Arbeitsgruppe dagegen wollte sich nicht von der Familiengeschichte als wichtiges diagnostisches Mittel trennen. Gut so! Denn für sie haben eine Reihe von Studien gezeigt, dass die Familiengeschichte ein eigenständiger Vohersagefaktor für ein kardiovaskuläres Risiko ist.

Bestimmung des kardiovaskulären Risikos

Zur Bestimmung des kardiovaskulären Risikos empfahlen die Leitlinien den Knöchel-Arm-Index und die Bestimmung des C-reaktiven Proteins. Die Arbeitsgruppe dagegen forderte die Leidlinien-Medizinmänner auf, etwas fleißiger zu sein und einige andere Untersuchung bei der Beurteilung mit einzuschließen:

  • Ultraschall-Untersuchung der Halsarterien, um die Dicke der Gefäßwände zu ermitteln und Plaques auszuschließen (empfehle ich übrigens auch)
  • Messung der Pulswellengeschwindigkeit, um die Elastizität beziehungsweise Steifheit der Arterien zu beurteilen (ein ganz altes diagnostisches Mittel!)
  • Blutuntersuchungen, um Lipoprotein a zu messen, das ein eigenständiger Faktor für ein kardiovaskuläres Risiko darstellt (endlich wird das mal erwähnt!)

Ich bin fast schon versucht mich bei der Mayo-Klinik zu bewerben. Wenn die da wirklich so akkurat arbeiten, kann ich verstehen, warum diese Klinik Weltruf hat.

Fazit

Es ist erschütternd zu sehen, wie die offiziellen „Schulmediziner“ der USA ihre Patienten an die Pharmaindustrie verkaufen und wie das Phänomen auf Europa überschwappt. Immerhin wehren sich so renommierte Mediziner (wie die von der Mayo Klinik) gegen ein solch abgrundtiefes … ich sage mal: Verhalten… (damit ich nicht wieder Abmahnungen erhalte).

Bleibt nur zu hoffen, dass die Allgemeinmediziner in Europa und Deutschland die ESG-Richtlinien von 2019 so nicht umsetzen.

Ein „kardiovaskuläres Risiko“ muss doch nicht zwangsläufig zu einer Statintherapie führen. Wohltuend ist aber die Einsicht der Mayo-Leute, dass Umstellungen bei Lebensgewohnheiten, Ernährung und körperliche Bewegung Vorrang haben vor der chemischen Statinkeule. Und wenn das nicht hilft, dann kann man Cholesterinspiegel auch natürlich natürlich senken.

Und wer noch nicht genug vom diesen Cholesterin Märchen hat, der darf sich mein Buch zu diesem Thema bestellen:

Buch: Cholesterin von René Gräber

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Ein Gespenst geht in Facebook um, das „Bekenntnis“ eines etablierten Herzchirurgen, Dr. Lundell, auf dem sozialen Netzwerk, dass er und die noch etabliertere Schulmedizin die Ursachen für Infarkte und kardiovaskuläre Erkrankungen seit eh und je falsch beurteilen (World Renown Heart Surgeon Speaks Out On What Really Causes Heart Disease).

Und die Diskussion, die dieser Beitrag ausgelöst hat, ist der „Kracher“. Man möchte fast meinen, der gute Doktor hat eine Geheimformel veröffentlicht, so intensiv ist das Echo auf seine Ausführungen. Aber was hat er dann letztendlich zum Besten gegeben?

 

Nachdem Dr. Lundell über Jahrzehnte das Credo der Schulmedizin zu den Ursachen für kardiovaskuläre Erkrankungen nachgebetet hatte, ist er heute zu einer komplett gegenteiligen Ansicht konvertiert. Für ihn sind eine Reihe von altbekannten Tatsachen wichtig, um diese Komplikationen schon im Ansatz zu verhindern.

Dies sind eine naturbelassene Diät und der Verzicht auf industriell gefertigten Nahrungsmittel, die in der Lage sind, Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes und Morbus Alzheimer zu verhindern und möglicherweise sogar zu heilen.

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Im Gegensatz dazu war er zuvor über 25 Jahre davon ausgegangen, dass die Verordnung von Statinen als Therapie und die Empfehlung von fettarmen Diäten als Prophylaxe der goldene Standard sein mussten. Mit der Einsicht in die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes kam der Wunsch, mit seiner Tätigkeit als Chirurg aufzuhören und sich intensiv mit der Prophylaxe und Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu beschäftigen.

Bezeichnend sind einige Passagen in seinen Aussagen (von mir übersetzt):

Wir Ärzte mit unserer Erfahrung und Autorität entwickeln zuweilen eine ziemlich ausgewachsene Form der Selbstgerechtigkeit, die es fast unmöglich macht zu akzeptieren, dass wir auch mal Fehler machen. So wie in diesem speziellen Fall. Ich gebe öffentlich zu, dass ich mich geirrt habe. Als Herzchirurg mit einer Erfahrung von 25 Jahren und mehr als 5000 Operationen am offenen Herzen habe ich mich heute entschlossen, das Fehlerhafte in der medizinischen und wissenschaftlichen Beweisführung zu berichtigen.“

Daher betrachtet er die Empfehlungen für Statine und fettarme Diäten als „moralisch nicht mehr vertretbar“. Für ihn ist eine fettarme, kohlehydratreiche Diät der eigentliche Übeltäter, der aktiv die Wände der Blutgefäße zerstört indem sie Entzündungsprozessen Vorschub leistet.

Die Entzündung bewirkt dann, dass das Cholesterin sich an die Zellwände anlagern und Plaques aufbauen kann, die dann in der Folge zu Infarkten und Schlaganfällen führen.

Hier muss ich auch einmal anmerken, dass ich die Therapie mit den Cholesterinsenkern seit Jahren für mehr als fragwürdig halte. Mehr dazu in meinem kleinen Büchlein: „Das Märchen vom bösen Cholesterin„.

Dr. Lundell führt einen weiteren und interessanten Vergleich durch. Er sagt:

Wenn man mehrere Male am Tag seinen Blutzuckerwert auf Spitzenwerte bringt, dann ist das, als ob man mit Schmirgelpapier die empfindliche Auskleidung der Blutgefäße bearbeitet. Man kann das auch damit vergleichen, dass man eine Stahlbürste oder dergleichen nimmt und sich damit die Haut so lange bürstet, bis dass die sich rötet und fast anfängt zu bluten. Dies ist eine gute Veranschaulichung, wie der Entzündungsprozess im Körper ablaufen kann.“

Darüber hinaus sieht er neben den Kohlenhydraten auch das Verhältnis von Omega-6-Fettsäuren zu Omega-3-Fettsäuren in der normalen westlichen Ernährung als Mitverursacher an. Ein Überschuss an Omega-6-Fettsäuren begünstigt Entzündungsprozesse.

Und die Amerikaner nehmen mit ihrer Standardnahrung, die reich an Mais- und Sojaölen sind, so viel Omega-6-Fettsäuren auf, dass das Verhältnis, das eigentlich 3 zu 1 Omega-6 zu Omega-3 sein sollte, auf 15 zu 1 hochschnellt. Auch diese Aussage wird von einer Reihe von ernstzunehmenden Wissenschaftlern unterstützt.

Auch seine Ansicht vom Metabolismus des Menschen, der mehr einem Jäger und Sammler aus der Steinzeit entspricht und dessen Stoffwechsel nicht geschaffen ist für den dauerhaften Konsum von Zucker und hohen Mengen an Omega-6-Fettsäuren, ist eine inzwischen nicht selten vertretene Ansicht.

Für Lundell gibt es daher nur eine Antwort auf dieses Problem. Und das ist die Rückkehr zu einer natürlichen Ernährungsweise. Man sollte am besten nur das essen, was auch unsere Großmütter als gesunde Nahrung angesehen hatten.

Daher sollte man mehr Proteine und komplexe Kohlenhydrate zu sich nehmen, wie sie in Obst und Gemüse vorkommen. Und das kommt meiner Auffassung einer gesunden Ernährung schon sehr nahe: www.gesund-heilfasten.de/ernaehrung/

Dr. Lundell geht sogar so weit, dass er auch das Credo gegen die gesättigten Fettsäuren verwirft, die laut Schulmedizin bevorzugt durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren ersetzt werden sollten. Er bevorzugt Olivenöl und Fleisch von Rindern, die noch auf der Weide haben grasen dürfen, anstelle von industriell gefertigten Produkten ähnlicher Machart, die aber mit hohen Konzentrationen an Omega-6-Fettsäuren versehen sind.

Und dann schreibt er es noch einmal ganz deutlich, sehr wahrscheinlich für alle, die immer noch nicht ihren Augen trauen wollen:

Da wir jetzt wissen, dass das Cholesterin nicht die Ursache für Herzerkrankungen ist, ist die Fokussierung auf die gesättigten Fette heute nochmals eine Nuance absurder geworden. Die offizielle Schulmedizin machte einen fürchterlichen Fehler, als sie den Menschen den Rat gab, gesättigte Fette zu vermeiden und dafür Nahrungsmittel mit einem hohen Gehalt an Omega-6-Fettsäuren zu bevorzugen.“

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Facebook Hype reloaded?

Soweit machen diese Aussagen Sinn. Sie werden von einer Reihe von Wissenschaftlern geteilt. Und wie es aussieht, nimmt die Zahl der Wissenschaftler zu, die diese Ansicht vertreten. Dr. Lundell gehört zu diesen Leuten, die sich hier angeschlossen haben.

Was aber eigenartig erscheint, ist der Hype in den sozialen Medien, der dieses „Bekenntnis“ ausgelöst hat. Es gibt eine Reihe von Wissenschaftlern, die diese Erkenntnisse schon viel früher „zu Protokoll“ gegeben haben, ohne dass der Hype ausgebrochen wäre.

Dazu kommt noch, dass Dr. Lundell 2012 schon einmal von sich reden machte, als er sein 2007 erschienenes Buch „The Cure for Heart Disease“, das genau diese Argumente enthält, öffentlich diskutierte.

Teil dieses Aufsehens war eine saftige „Würdigung“ von Quackwatch. Quackwatch ist ein amerikanisches Pendant zu Psiram und wird von einem pensionierten Psychiater, Dr. Stephen Barrett, geleitet. Er schrieb dann auch die Verdammung von Dr. Lundell (allerdings zu einem anderen Buch von ihm „The Great Cholesterol Lie“): A Skeptical Look at Dwight Lundell, M.D. (quackwatch.org/11Ind/lundell.html)

Ich habe keine Lust, diese „Bulle für den rechten schulmedizinischen Glauben“ näher zu diskutieren, da im gesamten Verlauf der Auseinandersetzung nicht ein Wort zum Inhalt des Gesagten geäußert wird. Frei nach der Devise „die Schulmedizin hat immer Recht“, analysiert der Psychiater, welche psychiatrischen Verläufe einen Menschen wie diesen Dr. Lundell zu einem Abtrünnigen und Häretiker an der einzig wahren Glaubensrichtung gemacht haben können.

Und da tun sich Welten auf. Denn der gute Dr. Lundell hatte schon einmal finanzielle Probleme, hatte es nicht so mit der bürokratisch erforderlichen medizinischen Dokumentation und hat auch schon mal vergessen, seine Steuern anzugeben und zu zahlen.

Kurz: Unser Psychiater kommt zu dem Schluss, dass jemand, der behauptet, Omega-6-Fettsäuren sind zu hoch und Cholesterin hat mit Herzinfarkten nichts zu tun, keine Steuern zahlt – ein typisches und untrügerisches Zeichen für Renegantentum. Denn wer keine Steuern zahlt und sonst auch bürokratischen Erfordernissen nicht nachkommen will, der zeigt damit schon, dass er einen Mangel an menschlichen Qualitäten hat.

Und dieser Mangel muss sich dann auch auf die medizinische Praxis niederschlagen – und natürlich weg vom einzig wahren Glauben an die Ursachen für kardiovaskuläre Probleme und Erkrankungen. Ab auf den Scheiterhaufen!

Fazit

Dr. Lundell erregt Aufsehen nicht etwa, weil er vollkommen neue Ansichten vertritt. Die Ansichten, die er jetzt auch vertritt, sind auf dem besten Weg, die Märchenwelt der schulmedizinischen Erklärungen abzulösen. Vielmehr scheint es die Tatsache zu sein, dass ein Vertreter einer besonders konservativen Ecke der Schulmedizin (der Kardiologie), vom schulmedizinischen Paulus zum Saulus konvertiert ist.

Und immer dann, wenn er seine Nase zum Fenster herausstreckt und seine Version kundtut, dann schlägt es Wellen. Und diese Wellen machen auch nicht vor persönlichen Verunglimpfungen seitens pensionierter Psychiater halt.

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