{"id":946,"date":"2020-07-26T16:01:34","date_gmt":"2020-07-26T15:01:34","guid":{"rendered":"https:\/\/renegraeber.de\/blog\/?p=946"},"modified":"2020-07-26T16:01:34","modified_gmt":"2020-07-26T15:01:34","slug":"cholesterin-richtlinien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renegraeber.de\/blog\/cholesterin-richtlinien\/","title":{"rendered":"So geht Medizin heute: \u00fcber Nacht Millionen neue Patienten &#8211; Beispiel: Cholesterin"},"content":{"rendered":"<p>Statine sind f\u00fcr die Hersteller eine lohnende Einnahmequelle, weil viele Menschen diese Cholesterin-Senker verschrieben bekommen. Doch wie hoch m\u00fcssen die Blutwerte sein, ab denen ein Patient die Mittel schlucken muss? Dazu gibt es &#8222;offizielle&#8220; Empfehlungen oder eher Richtlinien, an die sich \u00c4rzte gebunden f\u00fchlen sollen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Cholesterinwerte werden von der Europ\u00e4ischen Gesellschaft f\u00fcr Kardiologie (ESC) festgelegt und von der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Kardiologie (DGK) \u00fcbernommen. Die 2019 neu herausgegebenen Leitlinien sollen angeblich veraltet sein, weil sie 3 Jahre nicht mehr \u00fcberarbeitet wurden. Die neuen Normwerte lagen drastisch unter denen, die seit 2016 galten.<\/p>\n<p>Damals galt f\u00fcr Menschen, die an famili\u00e4rer Hypercholesterin\u00e4mie leiden, ein LDL-Zielwert von unter 100 mg\/dl. Wenn bereits verengte Herzkranzgef\u00e4\u00dfe nachweisbar waren sollte die LDL-Konzentration auf unter 70 mg\/dl eingestellt werden.<\/p>\n<p>Ab 2019 soll der LDL-Wert bei genetisch bedingter Hypercholesterin\u00e4mie und koronarer Herzkrankheit weniger als 55 mg\/dl betragen. Da fragt man sich: Welcher gesunde Mensch hat denn derart niedrige Cholesterin-Werte?<\/p>\n<p>Die Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Allgemeinmedizin protestierte. Es sei nicht hinnehmbar, dass praktisch das 50 % der B\u00fcrger per Definitionem f\u00fcr krank erkl\u00e4rt werden und Statine einnehmen sollen. Zudem empfehlen die Richtlinien aus 2019 die zus\u00e4tzliche Applikation der neuen PCSK9-Hemmer. In der Leitlinie 2016 hie\u00df es noch, dass deren Einsatz nur in Erw\u00e4gung gezogen soll.<\/p>\n<p>Leitlinienwatch.de kam der eigentlichen Motivation f\u00fcr die Aktualisierung auf die Spur. Die meisten Autoren des ESC-Skripts meldeten finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie und damit erkenntnisleitende Interessen an. 14 der Leitlinien-Verfasser stehen sogar bei Produzenten von PCSK9-Hemmern auf der Gehaltsliste. Auch die ESC erh\u00e4lt fast Dreiviertel ihrer Einnahmen von der Pharmaindustrie.<\/p>\n<p><strong>\u00dcbrigens: Wenn Sie solche Informationen interessieren, dann fordern Sie unbedingt meinen kostenlosen Praxis-Newsletter dazu an:<\/strong><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\" src=\"https:\/\/rene-graeber.de\/view_webform_v2.js?u=v9&#038;webforms_id=pDDkW\"><\/script><\/p>\n<h2>Ein Blick in die USA<\/h2>\n<p>Im Jahr 2013 enth\u00fcllten die \u201eAmerican College of Cardiology\u201c (ACC) und die \u201eAmerican Heart Association\u201c (AHA) neue Leitlinien f\u00fcr die Behandlung zu hoher Cholesterinwerte (siehe u.a. <a href=\"http:\/\/www.medicalnewstoday.com\/releases\/281077.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.medicalnewstoday.com\/releases\/281077.php<\/a>).<\/p>\n<p>Wie es aussieht, waren die damals &#8222;neuen Empfehlungen&#8220; selbst anderen gestandenen Schulmedizinern zu wenig medizinisch, daf\u00fcr aber zu verkaufs- und pharmamarketinggerecht ausgefallen.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Es hatte sich in der Mayo Klinik eine \u201etask force\u201c (ich nenne sie einfach mal \u201eArbeitsgruppe\u201c) gebildet, die sich mit den neuen Empfehlungen kritisch auseinandergesetzt hatte und dabei einiges zurechtr\u00fccken wollte.<\/p>\n<p>Die Arbeitsgruppe\u00a0vertrat die Meinung, dass nicht alle Patienten per se Statine einnehmen sollten, da auch nicht alle von einer solchen &#8222;Therapie&#8220; profitieren. Aber genau das scheinen die neuen Leitlinien aber zu unterstellen.<\/p>\n<p>Weiter kritisierte die Mayo Arbeitsgruppe, dass bei der Therapie ein individualisiertes Therapiekonzept zur Anwendung kommen sollte. <strong>Bei den Leitlinien dagegen stand man kurz davor, die Statine ins Trinkwasser zu kippen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeitsgruppe der Mayo Klinik besteht aus Kardiologen, Endokrinologen und Pr\u00e4ventivmedizinern, die von sich behaupten, keine Beziehungen zur pharmazeutischen Industrie zu haben. Wenn man sich ihre Vorschl\u00e4ge so anh\u00f6rt, dann glaube ich sogar,\u00a0dass da\u00a0etwas Wahres dran sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Hier ein paar Beispiele, wie \u201eevidenzbasiert\u201c die amerikanische Variante der Cholesterintherapie aussieht:<\/strong><\/p>\n<p>Die &#8222;neuen&#8220; Leitlinien von ACC und AHA aus dem Jahr 2013 empfehlen die Verschreibung der st\u00e4rksten Statine in hohen Dosen f\u00fcr alle M\u00e4nner, die \u00e4lter als 65 Jahre sind \u2013 auch, (und jetzt festhalten!), wenn es keine Herzerkrankungen in der Vergangenheit gegeben hatte.<\/p>\n<p><strong>\u00dcbrigens: Wenn Sie solche Informationen interessieren, dann fordern Sie unbedingt meinen kostenlosen Praxis-Newsletter dazu an:<\/strong><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\" src=\"https:\/\/rene-graeber.de\/view_webform_v2.js?u=v9&#038;webforms_id=pDDkW\"><\/script><\/p>\n<h2>Rentner zum Abschuss freigegeben<\/h2>\n<p>Das liest sich f\u00fcr mich, als wenn dort die Rentner zum pharmazeutischen Abschuss freigegeben worden sind, damit man die Ausgaben f\u00fcr Renten einsparen kann. Normale Cholesterinwerte spielen hier auch keine Rolle, denn auch diese Klientel soll kr\u00e4ftig mit Chemie versorgt werden, Hauptsache man ist \u00fcber 65! Hier wird das Alter per se zum Risikofaktor erhoben. Oder anders formuliert: Alter = behandlungsbed\u00fcrftige Krankheit.<\/p>\n<h3>Frage: Welche evidenzbasierte Studie hat dies zeigen k\u00f6nnen? Keine Einzige<\/h3>\n<p>Aber trotzdem werden solche Empfehlungen offiziell gemacht. Wenn es ums Geld geht, dann brechen die scheinheiligen Heuchler der Schulmedizin auch schon gerne mal ihre eigenen Regeln. Auch die Mayo Arbeitsgruppe konnte keine \u201eEvidenz\u201c in klinischen Studien ausmachen, die diesen Anspruch unterst\u00fctzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Endlich einmal eine schulmedizinische Institution, die wohltuenderweise mit den eigenen Anspr\u00fcchen etwas ernster umzugehen scheint. Daher lehnt die Arbeitsgruppe eine stereotype Behandlung mit Statinen aufgrund des Alters alleine als \u201eIndikation\u201c entschieden ab. Gut so!<\/p>\n<h2>Von wegen Mittel der ersten Wahl<\/h2>\n<p>Die Leitlinie versteigt sich auch zur der Behauptung, die Behandlung mit Statinen als Mittel der ersten Wahl gegen kardiovaskul\u00e4re Erkrankungen anzusehen. Erst dann kommt die Frage nach gesunden Lebensweisen und Ern\u00e4hrung \u2013 wenn \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Die &#8222;Mayo-Arbeitsgruppe&#8220; lehnte diese Vorgehensweise ebenfalls ab und setzt die Ver\u00e4nderung von Lebensgewohnheiten und Ern\u00e4hrung unter Einbeziehung von k\u00f6rperlicher Bewegung an die erste Stelle. Erst nach drei bis sechs Monaten soll dann eine Reevaluation vorgenommen werden bevor es zur Verschreibung kommt. Das h\u00f6rt sich schon eher nach patientenfreundlicher Medizin an.<\/p>\n<h2>Diabetiker sollen Statine erhalten?<\/h2>\n<p>Laut Leitlinien sollten alle Diabetiker, ob klein, gro\u00df, dick, d\u00fcnn etc., Statine erhalten \u2013 wenn sie \u00e4lter als 40 Jahre sind. Also auch hier haben wir wieder keinen medizinischen Zustand, der die Indikation bestimmt, sondern das Alter. Super! Die Arbeitsgruppe hatte starke Zweifel, dass alle Diabetiker das gleiche kardiale Risiko haben im Vergleich mit Leuten, die eine entsprechende Geschichte aufzuweisen haben.<\/p>\n<p>Die Arbeitsgruppe sprach sich nicht f\u00fcr oder gegen den Einsatz von Statinen bei Diabetikern aus, bei denen ein geringes Risiko f\u00fcr Herzinfarkte oder Schlaganfall vorliegt. Hier verwiesen die Mayo Kliniker auf eine individualisierte Herangehensweise bei diesen Patienten.<\/p>\n<h2>Statine f\u00fcr alle \u00fcber 65<\/h2>\n<p>Interessant ist auch die Empfehlung zur Berechnung der Risikofaktoren in den Leitlinien von 2013. Um das gro\u00dfz\u00fcgige \u201eVerspr\u00fchen\u201c von Statinen auf Verschreibungsbasis unter den Patienten gew\u00e4hrleisten zu k\u00f6nnen, haben die Leitlinien-Mediziner von ACC und AHA die <strong>Familiengeschichte \u201eabgeschafft\u201c<\/strong>. Aha!<\/p>\n<p>Denn die neuen Leitlinien sagten aus, dass die Familiengeschichte nur dann relevant wird, wenn das Risiko, das weiter oben schon vordefiniert worden ist, unsicher ist. Oder mit anderen Worten: <strong>Wenn ich \u00fcber 65 bin, dann ist es\u00a0v\u00f6llig egal\u00a0ob ich gesund bin. Ich habe Statine zu nehmen. Familiengeschichte h\u00e4lt da nur auf.<\/strong> Wenn ich Diabetiker \u00fcber 40 bin, dann&#8230; siehe Ausf\u00fchrung vorherigen Satz.<\/p>\n<p>Die Mayo Arbeitsgruppe dagegen wollte sich nicht von der Familiengeschichte als wichtiges diagnostisches Mittel trennen. Gut so! Denn f\u00fcr sie haben eine Reihe von Studien gezeigt, dass die Familiengeschichte ein eigenst\u00e4ndiger Vohersagefaktor f\u00fcr ein kardiovaskul\u00e4res Risiko ist.<\/p>\n<h2>Bestimmung des kardiovaskul\u00e4ren Risikos<\/h2>\n<p>Zur Bestimmung des kardiovaskul\u00e4ren Risikos empfahlen die Leitlinien den Kn\u00f6chel-Arm-Index und die Bestimmung des C-reaktiven Proteins. Die Arbeitsgruppe dagegen forderte die Lei<em>d<\/em>linien-Medizinm\u00e4nner auf, etwas flei\u00dfiger zu sein und einige andere Untersuchung bei der Beurteilung mit einzuschlie\u00dfen:<\/p>\n<ul>\n<li>Ultraschall-Untersuchung der Halsarterien, um die Dicke der Gef\u00e4\u00dfw\u00e4nde zu ermitteln und Plaques auszuschlie\u00dfen (empfehle ich \u00fcbrigens auch)<\/li>\n<li>Messung der Pulswellengeschwindigkeit, um die Elastizit\u00e4t beziehungsweise Steifheit der Arterien zu beurteilen (ein ganz altes diagnostisches Mittel!)<\/li>\n<li>Blutuntersuchungen, um <a href=\"http:\/\/www.yamedo.de\/blutwerte\/das-lipoprotein-a.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lipoprotein a<\/a> zu messen, das ein eigenst\u00e4ndiger Faktor f\u00fcr ein kardiovaskul\u00e4res Risiko darstellt (endlich wird das mal erw\u00e4hnt!)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich bin fast schon versucht mich bei der Mayo-Klinik zu bewerben. Wenn die da wirklich so akkurat arbeiten, kann ich verstehen, warum diese Klinik Weltruf hat.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Es ist ersch\u00fctternd zu sehen, wie die offiziellen &#8222;Schulmediziner&#8220; der USA ihre Patienten an die Pharmaindustrie verkaufen und wie das Ph\u00e4nomen auf Europa \u00fcberschwappt. Immerhin wehren sich so renommierte Mediziner (wie die von der Mayo Klinik) gegen ein solch abgrundtiefes &#8230; ich sage mal: Verhalten&#8230; (damit ich nicht wieder Abmahnungen erhalte).<\/p>\n<p>Bleibt nur zu hoffen, dass die Allgemeinmediziner in Europa und Deutschland die ESG-Richtlinien von 2019 so nicht umsetzen.<\/p>\n<p>Ein \u201ekardiovaskul\u00e4res Risiko\u201c muss doch nicht zwangsl\u00e4ufig zu einer Statintherapie f\u00fchren. Wohltuend ist aber die Einsicht der Mayo-Leute, dass Umstellungen bei Lebensgewohnheiten, Ern\u00e4hrung und k\u00f6rperliche Bewegung Vorrang haben vor der chemischen Statinkeule. Und wenn das nicht hilft, dann kann man Cholesterinspiegel auch nat\u00fcrlich nat\u00fcrlich senken.<\/p>\n<p><strong>Und wer noch nicht genug vom diesen Cholesterin M\u00e4rchen hat, der darf sich mein Buch zu diesem Thema bestellen:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.renegraeber.de\/Cholesterin-Report.html\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2226\" src=\"https:\/\/renegraeber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/cholesterin-maerchen-610px.jpg\" alt=\"Buch: Cholesterin von Ren\u00e9 Gr\u00e4ber\" width=\"611\" height=\"282\" srcset=\"https:\/\/renegraeber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/cholesterin-maerchen-610px.jpg 611w, https:\/\/renegraeber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/cholesterin-maerchen-610px-300x138.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 611px) 100vw, 611px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>&#8230; oder meinen kostenlosen Newsletter &#8222;Klare Kante&#8220; anfordern:<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbrigens: Wenn Sie solche Informationen interessieren, dann fordern Sie unbedingt meinen kostenlosen Praxis-Newsletter &#8222;Unabh\u00e4ngig. Nat\u00fcrlich. Klare Kante.&#8220; dazu an:<\/strong><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\" src=\"https:\/\/rene-graeber.de\/view_webform_v2.js?u=v9&#038;webforms_id=pL1KE\"><\/script><\/p>\n<p>Beitragsbild: fotolia.com &#8211; man at mouse<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Statine sind f\u00fcr die Hersteller eine lohnende Einnahmequelle, weil viele Menschen diese Cholesterin-Senker verschrieben bekommen. Doch wie hoch m\u00fcssen die Blutwerte sein, ab denen ein Patient die Mittel schlucken muss? 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