{"id":638,"date":"2020-02-20T09:45:24","date_gmt":"2020-02-20T08:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/renegraeber.de\/blog\/?p=638"},"modified":"2020-02-20T09:45:24","modified_gmt":"2020-02-20T08:45:24","slug":"masthuehner-bekommen-antibiotika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renegraeber.de\/blog\/masthuehner-bekommen-antibiotika\/","title":{"rendered":"J\u00e4hrlich gr\u00fc\u00dft die Katastrophe: Resistente Keime und Antibiotika im Gefl\u00fcgelfleisch"},"content":{"rendered":"<p>2011 verbrauchte die deutsche Landwirtschaft insgesamt 1700 Tonnen Antibiotika. Mehr als 96 Prozent aller Masth\u00fchner bekommen <a href=\"http:\/\/www.naturheilt.com\/Inhalt\/Antibio.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Antibiotika<\/a>.<\/p>\n<p>Zu diesem Ergebnis kam eine Studie, die im Auftrag des Verbrauchschutzministeriums von Nordrhein-Westfalen schon 2011 erstellt wurde. In 83 Prozent der untersuchten Mastdurchg\u00e4nge kamen die fraglichen Wirkstoffe zum Einsatz. Insgesamt summiert sich die Zahl der so behandelten Tiere damit auf 96,4 Prozent.<\/p>\n<p>Lediglich die Bio-Betriebe haben demnach ganz auf den Antibiotika-Einsatz verzichtet.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Inzwischen werden die Kontrollen des Gefl\u00fcgelfleisches regelm\u00e4\u00dfig durchgef\u00fchrt. Dabei werden die bedenklichen R\u00fcckst\u00e4nde immer wieder in erheblichen Konzentrationen nachgewiesen. Antibiotika d\u00fcrfen zwar nicht mehr generell ins Futter gestreut werden, sondern nur noch bei diagnostizierten Krankheiten. Zudem besteht der Verdacht, dass gen\u00fcgend Tier\u00e4rzte finden, die passende Diagnosen &#8222;herbei-attestieren&#8220; und den Gefl\u00fcgelz\u00fcchtern damit gewisserma\u00dfen einen Freibrief ausstellen.<\/p>\n<p>Auch kann ein Tierarzt bei einem infizierten Tier gleich alle Tiere in derselben Bestallung mitbehandeln. Wenn sich dann 40.000 H\u00fchner ein Dach teilen m\u00fcssen, kommen immense Wirkstoffmengen zustande.<\/p>\n<p>In Bioh\u00f6fen sind es nur rund 1.500 der V\u00f6gel in einem Stall. Und diese Tiere werden seltener krank, weil die &#8222;artgerechtere Tierhaltung&#8220; (wenn man das so nennen darf) zu einem st\u00e4rkeren Immunsystem f\u00fchrt.<\/p>\n<p>So haben die Tiere auf Demeter-H\u00f6fen noch Auslauf im Freien und k\u00f6nnen, ihrer angeborenen Gewohnheit folgend, in erh\u00f6hter Position schlafen. Und die Demeter-Qualit\u00e4t w\u00fcrde ich immer bevorzugen. Und klar: das kostet mehr.<\/p>\n<p>Konventionell gehaltenes Gefl\u00fcgel ist hingegen quasi dauernd krank. Untersuchungen aus 2020 belegen, dass bei diesen Tieren der Anteil des Reserve-Antibiotikums Colistin 40 % aller Antibiotika betr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Colistin ist bei Gefl\u00fcgelm\u00e4stern und Tier\u00e4rzten deswegen so beliebt, weil die Tiere nur 4 bis 6 Wochen leben. In dieser Zeitspanne k\u00f6nnen die H\u00e4hnchen durch das Medikament kein Nierenversagen erleiden. Wegen dieser auch beim Menschen m\u00f6glichen Nebenwirkung ist das Pharmakum in die Reserve eingruppiert worden.<\/p>\n<p>Am liebsten w\u00fcrden es \u00c4rzte gar nicht mehr verordnen, k\u00f6nnen aber manchmal nicht umhin, wenn kein anderes Antibiotikum mehr hilft. Aus diesem Grund muss es zur Behandlung des Menschen unbedingt erhalten bleiben. Doch die Resistenz-Entwicklung ist gerade bei Colistin enorm beg\u00fcnstigt. Denn Bakterien sind in der Lage, das erworbene Resistenz-Gen in andere Bakterien einzuschleusen.<\/p>\n<p><strong>\u00dcbrigens: Wenn Sie solche Informationen interessieren, dann fordern Sie unbedingt meinen kostenlosen Praxis-Newsletter dazu an:<\/strong><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\" src=\"https:\/\/rene-graeber.de\/view_webform_v2.js?u=v9&#038;webforms_id=pDDkW\"><\/script><\/p>\n<p>Der Zusammenhang zwischen Antibiotika-Missbrauch in der Tier-Produktion und resistenten Krankheitserregern ist indes belegt. Denn im Fleisch der gequ\u00e4lten Tiere k\u00f6nnen auch resistente Keime nachgewiesen werden.<\/p>\n<p>Seit die Tier\u00e4rzte nachweisen m\u00fcssen, wie viele und welche Antibiotika sie gekauft haben, hat sich die Situation bei Schweinefleisch gebessert. Doch bei H\u00fchnern aus Massenhaltung werden nach wie vor Reserve-Antibiotika in horrenden Mengen gefunden, ebenso wie die dadurch entstehenden resistenten Mikroben.<\/p>\n<h2>Resistente Keime: Die Gefahr f\u00fcr den Menschen<\/h2>\n<p>Die Gefahr f\u00fcr den Menschen resultiert daraus, dass Antibiotika gegen Bakterien nicht mehr helfen. Die Keime werden durch die Antibiotika-Flut resistent, denn die Medikamente akkumulieren sich nicht nur im Fleisch, sondern geraten auch in die Umwelt. Besonders gef\u00e4hrlich sind die multiresistenten Bakterien, die gleich mehreren Antibiotika widerstehen. Dazu z\u00e4hlen beispielsweise der Methillicin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA, manchmal auch Multiresistenter Staphylococcus aureus) und die Multiresistenten Gramnegativen St\u00e4bchenbakterien (MRGN).<\/p>\n<p>Im schlimmsten Fall f\u00fchrt eine Infektion mit diesen Keimen sogar zum Tod. Nach Informationen des Robert-Koch-Instituts lassen sich j\u00e4hrlich rund 15.000 Sterbef\u00e4lle auf diese Weise erkl\u00e4ren. Doch eine verl\u00e4ssliche Statistik gibt es dazu nicht. Aus der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Krankenhaushygiene (DGKH) kommt eine Sch\u00e4tzung, die 2015 die Zahl der Toten durch Infektionen mit den unempfindlichen Keimen sogar auf 30.000 beziffert.<\/p>\n<h2>J\u00e4hrlich gr\u00fc\u00dft die Katastrophe: Resistente Keime, Resistenz-Faktoren und Antibiotika im Gefl\u00fcgelfleisch<\/h2>\n<p>L\u00e4ngst haben unabh\u00e4ngige Verbrauchersch\u00fctzer das Problem im Visier. Die Experten sammeln permanent Proben aus Discountern und f\u00fchren umfangreiche Tests durch. 2019 stellte Germanwatch e. V. dabei erneut haarstr\u00e4ubende Ergebnisse fest. So waren 82 % der Gefl\u00fcgelfleisch-Produkte von Penny mit Keimen verseucht, die sogar gegen Reserve-Antibiotika resistent sind.<\/p>\n<p>Bei Aldi waren es 75 %, bei Netto 58 % und bei Lidl immerhin noch 33 %. Parallel dazu fanden die Labore in vielen H\u00e4hnchenfleisch-Produkten das Reserve-Antibiotikum Colistin. Das Medikament wurde in einigen Produkten der 3 gr\u00f6\u00dften Fleisch-Produzenten nachgewiesen (PHW-Gruppe, Plukon Deutschland und die Sprehe Gruppe; nur bei Rothk\u00f6tter nicht).<\/p>\n<p>Beim Nachweis der MRGN-Keime fielen Plukon-Produkte am unangenehmsten auf. Rund 75 % der Proben trugen die resistenten Erreger. Bei Rothk\u00f6tter (1 Probe von 12) und der PHW-Gruppe (2 von 32) waren es deutlich weniger. MRSA fanden die Verbrauchersch\u00fctzer ebenfalls in einigen Proben, und zwar in einer von 32 bei PHW und in 2 von 12 Rothk\u00f6tter-Artikeln.<\/p>\n<p>In mindestens einem Viertel der Gefl\u00fcgel-Proben der gro\u00dfen Fleisch-Konzerne fanden die Experten Carbapenem-resistente Keime. Dieser Befund ist besonders verwunderlich, weil das Antibiotikum Carbapenem in der Tier-Produktion europaweit untersagt ist.<\/p>\n<p>In der Germanwatch-Studie konnten auch ein Resistenz-Faktor direkt nachgewiesen werden. Viele Gefl\u00fcgel-Produkte enthielten Extended-Spectrum Betalaktamase (ESBL). Das Enzym produzieren Bakterien, die Antibiotika auf Betalaktam-Basis\u00a0 wirkungslos machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Bund und L\u00e4nder streiten \u00fcber die Konsequenzen<\/h2>\n<p>Der ehemalige NRW-Verbraucherminister Johannes Remmel erkl\u00e4rte, die Ergebnisse der Studie von 2011 seien \u201ealarmierend\u201c und w\u00fcrden bei ihm \u201e\u00dcbelkeit\u201c ausl\u00f6sen. Das Bundesverbrauchschutzministerium m\u00fcsse sofort handeln und klare Vorschriften f\u00fcr Betriebe erlassen, um den Antibiotika-Einsatz einzud\u00e4mmen. Die damalige Bundeslandwirtschaftsminsterin Ilse Aigner widersprach dem allerdings.<\/p>\n<p>Zwar sei das Ergebnis der Studie \u201ebesorgniserregend\u201c, doch es liege in der Verantwortung der Bundesl\u00e4nder, sch\u00e4rfere Kontrollen durchzuf\u00fchren. Im Prinzip sah Frau Aigner allerdings die Notwendigkeit ein, die Antibiotika-Belastungen in Gefl\u00fcgelfleisch zu reduzieren. Doch ist fraglich, wie st\u00e4rkere Kontrollen \u00fcberhaupt etwas nutzen sollen, solange die Gabe von Antibiotika ins Futter grunds\u00e4tzlich noch legal ist. Zumindest die Reserveantibiotika m\u00fcssten sofort verboten werden, forderte Reinhild Benning von Germanwatch im Fr\u00fchjahr 2019.<\/p>\n<p>Diese letzten Mittel f\u00fcr sonst aussichtslose F\u00e4lle soll der Arzt selbst beim Menschen nur im Notfall anwenden. In der Tier-Produktion werden Reserveantibiotika hingegen prophylaktisch eingesetzt. Dies zeigt, wie sehr die Absichtserkl\u00e4rungen der Politiker von den realen Ma\u00dfnahmen abweichen. Auch Julia Kl\u00f6ckner macht darin leider keine Ausnahme. Der Dauer-Alarm aus den Reihen von Internisten und Intensiv-Medizinern verhallt ungeh\u00f6rt. Und das seit fast 2 Jahrzehnten!<\/p>\n<h2>Verb\u00e4nde bekunden Handlungsbereitschaft &#8211; mehr aber auch nicht<\/h2>\n<p>Auch der Deutsche Bauernverband (DBV) und der Zentralverband der Deutschen Gefl\u00fcgelwirtschaft (ZDG) wollen angeblich dagegen aktiv werden und den Einsatz der Medikamente aus Verantwortungsbewusstsein \u201egegen\u00fcber den Tieren\u201c deutlich reduzieren. Rechtlich d\u00fcrften Antibiotika ohnehin nicht als \u201eGesundheitsdoping\u201c eingesetzt werden, so Remmel, sondern nur dann, wenn ein Tier ernstlich erkrankt sei.<\/p>\n<p>In der Praxis ist diese Ma\u00dfgabe jedoch ein stumpfes Schwert. Denn sonst k\u00f6nnten wohl kaum seit Jahren immer wieder Antibiotika im H\u00e4hnchenfleisch nachgewiesen werden.\u00a0 Wie kann das sein, wenn f\u00fchrende Landwirte die Medikamente drastisch reduzieren wollen?<\/p>\n<p>Der ZDG hat Anfang 2020 dann die Absicht erkl\u00e4rt, bis 2023 zumindest auf Colistin verzichten zu wollen. Dies geschah wohl aufgrund der Bef\u00fcrchtung, das Medikament k\u00f6nne wom\u00f6glich ganz f\u00fcr die Landwirtschaft verboten werden. Doch solange Gro\u00dfschlachtereien und riesige Mastbetriebe auch noch Subventionen erhalten, werden die Antibiotika nicht so schnell aus Gefl\u00fcgelfleisch verbannt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Politik m\u00fcsste das Sterben kleinerer H\u00f6fe mit weniger Tieren und kleineren St\u00e4llen verhindern. Doch die St\u00e4rkung des deutschen Fleisch-Exportes ist wohl wichtiger als artgerechte und nachhaltige Tiermast. Der 2008 ins Leben gerufene One-Health-Ansatz sollte die Krise eigentlich wirksam eind\u00e4mmen. Doch die Koordination von Human- und Tiermedizin hat in der Gefl\u00fcgelmast bisher keinen Erfolg gebracht. Da fragt man sich, ob solche Ma\u00dfnahmen auch wirklich ernst gemeint sind.<\/p>\n<p>Unternehmerische Verantwortung m\u00fcsste hier darin bestehen, die Pharmaka gar nicht mehr einzusetzen. Die Alternativen hei\u00dfen dabei: billiges Fleisch und schneller Profit oder Gesundheit? Lobby, Politik und auch der Verbraucher scheinen sich in der Entscheidung einig zu sein&#8230;<\/p>\n<p><strong>\u00dcbrigens: Wenn Sie solche Informationen interessieren, dann fordern Sie unbedingt meinen kostenlosen Praxis-Newsletter &#8222;Unabh\u00e4ngig. Nat\u00fcrlich. Klare Kante.&#8220; dazu an:<\/strong><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\" src=\"https:\/\/rene-graeber.de\/view_webform_v2.js?u=v9&#038;webforms_id=pL1KE\"><\/script><\/p>\n<h4>Weitere Artikel zum Thema<\/h4>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/naturheilt.com\/blog\/eiertanz-antibiotika-huehner\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eier-Tanz um Antibiotika-H\u00fchner<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.gesund-heilfasten.de\/blog\/dioxin-neues-nahrungsergaenzungsmittel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dioxin, das neue \u201eNahrungserg\u00e4nzungsmittel\u201c<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/naturheilt.com\/blog\/die-rache-der-grill-haehnchen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Rache der Grillh\u00e4hnchen<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.gesund-heilfasten.de\/blog\/billige-nahrungsmittel-teuer-bezahlt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Billige Nahrungsmittel, teuer bezahlt<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Dieser Beitrag wurde im M\u00e4rz 2012 erstellt und letztmalig am 21.2.2020 aktualisiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2011 verbrauchte die deutsche Landwirtschaft insgesamt 1700 Tonnen Antibiotika. 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