{"id":5717,"date":"2025-12-20T11:31:25","date_gmt":"2025-12-20T11:31:25","guid":{"rendered":"https:\/\/renegraeber.de\/blog\/?p=5717"},"modified":"2025-12-20T11:31:25","modified_gmt":"2025-12-20T11:31:25","slug":"der-neue-hebammenhilfevertrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renegraeber.de\/blog\/der-neue-hebammenhilfevertrag\/","title":{"rendered":"Der neue Hebammenhilfevertrag \u2013 Reform auf dem Papier, Machtverschiebung in der Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Was derzeit unter dem n\u00fcchternen Begriff <em>Hebammenhilfevertrag<\/em> verhandelt und umgesetzt wird, ist alles andere als eine technische Anpassung.<\/p>\n<p>Es ist ein Eingriff in ein sensibles Versorgungssystem \u2013 mit absehbaren Folgen. Offiziell geht es um die Verg\u00fctung der freiberuflichen Hebammen, Abrechnung und Zust\u00e4ndigkeiten. In der Praxis geht es um Autonomie, Verantwortung und Kontrolle.<\/p>\n<h2>Was gerade passiert<\/h2>\n<p>Zum <strong>1. November 2025<\/strong> tritt ein neuer Hebammenhilfevertrag in Kraft. Beschlossen wurde er nicht im Konsens, sondern im Schiedsstellenverfahren \u2013 gegen den erkl\u00e4rten Widerstand vieler freiberuflicher Hebammen. Vertragspartner ist unter anderem der GKV-Spitzenverband.<\/p>\n<p>Die Kernelemente dieses Vertrags bedeuten f\u00fcr freiberufliche Dienstbeleghebammen (soweit ich es \u00fcbersehe):<\/p>\n<p>Einkommenseinbu\u00dfen von bis zu 30 Prozent, eine K\u00fcrzung des effektiven Stundenlohns auf 80 Prozent, drastisch reduzierte Verg\u00fctung bei paralleler Betreuung mehrerer Geb\u00e4render, geringere Nacht und Wochenendzuschl\u00e4ge und weiterhin unbezahlte Bereitschaftszeiten. All das bei gleichbleibender oder steigender Verantwortung und Haftung.<\/p>\n<p>Betroffen ist kein Randbereich. Rund ein Viertel aller Geburten in Deutschland wird \u00fcber Dienstbelegsysteme betreut. Diese Systeme stehen f\u00fcr bessere Betreuungsschl\u00fcssel, mehr Kontinuit\u00e4t und weniger Interventionen. Genau dieses Modell wird nun wirtschaftlich unattraktiv gemacht.<\/p>\n<h2>Behandlungshoheit \u2013 der wunde Punkt<\/h2>\n<p>Hebammen haben bei Schwangerschaften und Geburten eine <strong>eigenst\u00e4ndige Behandlungshoheit &#8211; und die ist ziemlich weitgehend<\/strong>. Sie entscheiden selbst \u00fcber Vorgehen, Methoden und Ma\u00dfnahmen \u2013 ohne \u00e4rztliche Weisung. \u00c4rzte sind Partner, nicht &#8222;Vorgesetzte&#8220;, solange der Verlauf normal ist.<\/p>\n<h2>Freiberuflichkeit als Voraussetzung f\u00fcr Therapiefreiheit<\/h2>\n<p>Freiberufliche Hebammen arbeiten pragmatisch &#8211; zumindest viele der \u00c4lteren. Sie greifen h\u00e4ufig auf Hom\u00f6opathie und Akupunktur zur\u00fcck \u2013 nicht aus Ideologie, sondern aus Erfahrung. Schwangerschaft und Stillzeit sind sensible Phasen. Viele Medikamente sind hier problematisch oder gar kontraindiziert.<\/p>\n<p>Hom\u00f6opathie und Akupunktur bieten in diesem Kontext risikoarme Optionen: bei Angst, Wehenregulation, \u00dcbelkeit, Schmerz, Stillproblemen. Sie lassen sich individuell einsetzen, ben\u00f6tigen keine \u00e4rztliche Anordnung und stehen nicht im Widerspruch zu einer verantwortungsvollen Geburtshilfe. Und ich habe sehr oft erlebt, was Hebammen mittels Hom\u00f6opathie und Akupunktur f\u00fcr die Schwangeren und w\u00e4hrend des Geburtsvorgangs erreichen k\u00f6nnen! Von Stei\u00dflagen, \u00fcber \u00d6ffnung des Muttermunds, bis zu R\u00fcckenschmerzen der Schwangeren.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist \u00fcbrigens der Kontrast zur &#8222;Corona Zeit&#8220;. Dort wurde der sonst \u00fcbliche Schutzanspruch von Schwangeren und Stillenden bei diesen neuartigen gentechnischen Substanzen erstaunlich gro\u00dfz\u00fcgig relativiert. Was jahrzehntelang als Vorsichtsprinzip galt, wurde pl\u00f6tzlich zur Nebensache. Auch das haben viele Hebammen nicht vergessen &#8211; zumindest, die, die es sehen wollten.<\/p>\n<h2>Die m\u00f6gliche zweite Agenda<\/h2>\n<p>Ich habe da noch eine ganz andere Vermutung&#8230;<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht greift der neue Vertrag tiefer als es die Zahlen vermuten lassen. Wenn das Dienstbelegsystem wirtschaftlich kollabiert, bleibt vielen Hebammen nur der Wechsel ins Angestelltenverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Und damit \u00e4ndert sich Entscheidendes.<\/p>\n<p>Angestellte Hebammen unterliegen der Weisungsbefugnis. Die \u00e4rztliche Hierarchie gewinnt an Einfluss. Behandlungshoheit wird zur formalen Restgr\u00f6\u00dfe. Abweichende, nicht pharmazentrierte Verfahren verschwinden nicht durch Verbot, sondern durch Struktur \/ Anweisung. Was nicht erw\u00fcnscht ist, wird nicht mehr vorgesehen. Was nicht abrechenbar ist, wird nicht mehr praktiziert. Also das AUS f\u00fcr Hom\u00f6opathie und Akupunktur.<\/p>\n<p>Das ist kein Zufall, sondern ein bekanntes Muster im Gesundheitssystem: Zentralisierung, Standardisierung, Kontrolle. Vielfalt wird zur St\u00f6rung, Autonomie zum Risiko.<\/p>\n<h2>Medikalisiert, weil steuerbar<\/h2>\n<p>Seit Jahren wird Geburtshilfe zunehmend medikalisiert \u2013 obwohl die Datenlage zeigt, dass bei normalen Verl\u00e4ufen weniger Interventionen bessere Ergebnisse bringen. Trotzdem w\u00e4chst der Druck in Richtung Protokollmedizin. Sie ist leichter zu kontrollieren, juristisch besser absicherbar und \u00f6konomisch kalkulierbarer.<\/p>\n<p>Freiberufliche Hebammen mit eigener Behandlungshoheit passen schlecht in dieses Raster.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Was hier als Vertragsreform verkauft wird, ist f\u00fcr mich inn Wahrheit eine <strong>Machtverschiebung<\/strong>. Weg von eigenverantwortlicher Geburtshilfe, hin zu hierarchisch gesteuerter Versorgung.<\/p>\n<p>Wer Hebammen wirtschaftlich in die Knie zwingt, greift nicht nur ihre Existenz an. Er beschneidet therapeutische Freiheit, schw\u00e4cht bew\u00e4hrte Versorgungsmodelle und reduziert Geburt auf einen medizinisch verwalteten Vorgang.<\/p>\n<p>Das betrifft nicht nur Hebammen. Es betrifft Frauen, Familien \u2013 und die Frage, wie selbstbestimmt Geburt in diesem Land k\u00fcnftig noch sein darf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was derzeit unter dem n\u00fcchternen Begriff Hebammenhilfevertrag verhandelt und umgesetzt wird, ist alles andere als eine technische Anpassung. Es ist ein Eingriff in ein sensibles Versorgungssystem \u2013 mit absehbaren Folgen. Offiziell geht es um die Verg\u00fctung der freiberuflichen Hebammen, Abrechnung und Zust\u00e4ndigkeiten. In der Praxis geht es um Autonomie, Verantwortung und Kontrolle. 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